Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 089 - 02.11.2015

Spitzentreffen von Kirchen und DGB Nord in Lübeck

Für eine menschengerechte Arbeit der Zukunft

Für eine „menschengerechte Arbeit der Zukunft“ treten Kirchen und Gewerkschaften im Norden ein. Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), des Erzbistums Hamburgs und des Deutschen Gewerkschaftsbundes Bezirk Nord (DGB Nord) haben dazu heute (2. November) in Lübeck eine gemeinsame Erklärung zu Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt verabschiedet.

Die Teilnehmer des jährlichen Spitzentreffens von Nordkirche, Erzbistum Hamburg DGB Nord diskutierten den Wandel der Arbeitswelt aus gewerkschaftlicher und christlicher Sicht. In der von Landesbischof Gerhard Ulrich (Nordkirche), Weihbischof Hans-Jochen Jaschke (Erzbistum Hamburg) und Uwe Polkaehn (DGB Nord) vereinbarten Erklärung heißt es unter anderem, dass „Gute Arbeit“ allen Menschen zugänglich sein müsse.

 

Ausbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse

Kirchen und Gewerkschaften begrüßen den Ausbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse. Die Herausforderungen der Arbeit der Zukunft seien nur in einer starken Sozialpartnerschaft zu bewältigen. Angesichts neuer, mehr Freiheit versprechender mobiler und digitaler Arbeitsformen fordern Kirchen und Gewerkschaften stärkere soziale Absicherung und Möglichkeiten zur Mitbestimmung sowie eine menschengerechte Bewertung und Balance von Arbeits- und Lebenszeit.

Gewerkschaften und Kirchen treten für die Einhaltung hoher arbeits- und sozialrechtlicher Maßstäbe ein. Die Ausnutzung unterschiedlicher Lohn- und Arbeitsbedingungen auf dem europäischen Arbeitsmarkt müsse eingedämmt werden. „Die Globalisierung von Wertschöpfungsketten geht in vielen Fällen mit der Ausbeutung von Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmern nicht nur in sogenannten Entwicklungsländern einher. ‚Gute Arbeit‘ muss daher auch ein globaler Standard sein, der Achtung und Fairness Rechnung trägt.“ Die Kirchen verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass bereits in der Bibel aus dem Glauben an den befreienden Gott Gesetze niedergelegt seien, „die Arbeiter vor Übergriffen und Ausbeutung schützen“.

 

Integration von Flüchtlingen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt

Angesichts der vielen Menschen, die gegenwärtig in Deutschland Schutz suchen, begrüßen und unterstützen Gewerkschaften und Kirchen die tatkräftige Willkommenskultur in Deutschland, die helfe, die unmittelbare Not der Flüchtlinge zu mindern. Zugleich gelte es, den Menschen, die für längere Zeit oder immer in Deutschland bleiben, auch eine Perspektive im Blick auf Ausbildung und Arbeit zu bieten. Eine Ausbeutung von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten als billige Arbeitskräfte lehnen Kirchen und Gewerkschaften ab: „Der gesetzliche Mindestlohn muss für alle gelten.“

 

Professor Horn: „Verantwortung endet nicht an der Grenze Deutschlands“

Professor Dr. Gustav Horn, Direktor des Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und Vorsitzender der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) betonte in seinem Vortrag, dass „die Verantwortung für gerechte Entlohnung und gute Arbeitsverhältnisse nicht an der Grenze Deutschlands endet“.

 

 Die gemeinsame Erklärung im Wortlaut finden Sie hier:

 

Spitzentreffen von Vertretern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), des Erzbistums Hamburg und des Deutschen Gewerkschaftsbundes Bezirk Nord

Lübeck, den 2. November 2015

 

Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt:

Die Arbeit der Zukunft muss menschengerecht sein!

 

 

Bei ihrem jährlichen Spitzentreffen haben heute (2. November) in Lübeck Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), des Erzbistums Hamburgs und des Deutschen Gewerkschaftsbundes Bezirk Nord (DGB Nord) den Wandel der Arbeitswelt aus gewerkschaftlicher und christlicher Sicht diskutiert. Grundlage hierzu waren die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Titel „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“ vom April 2015 sowie die Programmaussagen der Gewerkschaften zur „Arbeit der Zukunft“. Wichtige Impulse gingen heute von dem Vortrag von Professor Dr. Gustav Horn, Direktor des Düsseldorfer Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und Vorsitzender der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), aus.

Es wurde eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, die folgenden Wortlaut hat:

 

Die Arbeit der Zukunft: Solidarisch, gut und gerecht

 

Die Arbeit der Zukunft steht vor einem großen Strukturwandel, er birgt Chancen wie Risiken. Ökonomisierung, Globalisierung, Digitalisierung, soziale Spaltungstendenzen, ökologische Probleme und die Bevölkerungsentwicklung verlangen nach Antworten im Sinne des Gemeinwohls.

Arbeit ist von elementarer Bedeutung für den Menschen und die Gesellschaft. Sie verleiht Würde, Sinn und Identität, sie sichert Einkommen und ist Daseinsgrundlage. Erwerbsarbeit ermöglicht Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und schafft Anerkennung. In der Arbeit kommen die individuellen Fähigkeiten sowohl in der eigenen Tätigkeit als auch im Interesse aller zur Entfaltung. Die Menschen finden in der Arbeit Gemeinschaft und Wertschätzung. Arbeit erfordert aus sich heraus immer auch Solidarität, aus der sich die Sozialpartnerschaft ableitet.

Sowohl Kirchen als auch Gewerkschaften nehmen deshalb jeweils in besonderer Weise den Menschen in den Blick und fragen nach seiner Rolle in einer sich verändernden Arbeitswelt. Sie treten ein für eine menschengerechte Arbeit. Der Wert von Arbeit, Partizipation und eine guten Work-Life-Balance bilden dabei einen besonderen Schwerpunkt. Jeder Mann und jede Frau muss von der geleisteten Arbeit leben können. Eine gerechte Steuerpolitik und ein soziales Unternehmertum sind wichtige Bausteine einer solidarischen und gerechten Gesellschaft.

In der Arbeit suchen und finden Menschen Gemeinschaft und Anerkennung. Arbeit besteht aus einer gegenseitigen Angewiesenheit aller Beteiligten und erfordert daher Solidarität. Die Sozialpartnerschaft ist dabei zentral. Für ein gerechtes Gemeinwohl müssen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf Augenhöhe und mit dem Willen zur Einigung begegnen. Die Beteiligung der Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmerschaft nimmt bei der Gestaltung einer solidarischen Gesellschaft eine wichtige Rolle ein.

 

Menschengerechte Arbeit

Gewerkschaften und Kirchen setzen sich für eine Arbeit mit menschlichem Antlitz ein. Gute Arbeit muss mit gutem Leben verbunden werden, auch im Alter. Zentrale Fragen sind dabei faire Entlohnung, Gesundheit am Arbeitsplatz, die Reduktion von Stress und eine ausgeglichene Work-Life-Balance hinsichtlich Familie und Freizeit. Arbeit und auch die regelmäßige Unterbrechung von Arbeit müssen in gemeinsamer Verantwortung gestaltet werden. Der vom Grundgesetz geschützte arbeitsfreie Sonntag ist dabei ein wichtiges Gut. Mit neuen Biographie- und Rollenmustern kommen insbesondere neue Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf. „Gute Arbeit“ muss allen Menschen zugänglich sein. Langzeitarbeitslosigkeit darf nicht hingenommen werden, und jeder Schulabgänger hat das Recht auf eine berufliche Ausbildung.

Die Globalisierung von Wertschöpfungsketten geht in vielen Fällen mit der Ausbeutung von Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmern nicht nur in sogenannten Entwicklungsländern einher. Gute Arbeit muss daher auch ein globaler Standard sein, der Achtung und Fairness Rechnung trägt. So betonte heute auch Prof. Dr. Horn in seinem Vortrag, dass „die Verantwortung für gerechte Entlohnung und gute Arbeitsverhältnisse nicht an der Grenze Deutschlands endet“.

 

Wert von Arbeit

Der Wert von Arbeit wird zumeist über den Arbeitslohn sowie die Qualität der Beschäftigungsart und die Möglichkeit der Mitbestimmung ausgedrückt. Die Solidarität in der Gesellschaft nimmt aber durch eine Erosion des Tarifsystems Schaden. Der große Niedriglohnsektor und die ungleiche Verteilung von Einkommen können dabei zukünftig zu mehr Belastungen für die Gesellschaft führen. Damit Arbeit nicht zu Armut führt, ist angemessener Lohn ein wichtiges Mittel. Kirchen und Gewerkschaften begrüßen den Ausbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse. Ferner bedarf es der Regulierung, um prekäre Arbeitsverhältnisse zu vermeiden, die beispielsweise in Leiharbeit und bei Werkerträgen entstehen können. Insbesondere die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der Arbeitswelt, was Beschäftigungsverhältnis und Einkommen angeht, muss abgebaut werden. Mehr Zeitsouveränität schafft mehr persönliche Verfügungsgewalt über die eigene Frei-Zeit entlang der Erwerbsbiografie – auch für Eigenarbeit, Care-Zeiten, politische Teilhabe oder ein Sabbat-Jahr.

 

Stärkung der Sozialpartnerschaft

Die großen Herausforderungen der Arbeit der Zukunft sind nur in einer starken Sozialpartnerschaft zu bewältigen. Neben Solidarität ist die gemeinschaftliche Verantwortung und Mitwirkung aller Akteure gefordert. Arbeit ist ein Gemeinschaftswerk wechselseitiger Angewiesenheit, bei dem niemand ausgeschlossen werden darf. In einer Demokratie enden Mitwirkungsrechte nicht vor Werkstoren oder Bürotüren. Mitbestimmung macht die Beschäftigten zur Bürgerin und zum Bürger im Betrieb und stärkt den sozialen Ausgleich. Deshalb würdigen Kirchen und Gewerkschaften ausdrücklich die Arbeit tausender Arbeitnehmervertretungen im Norden.

 

Neue Technologien

Digitalisierung durchzieht alle Arbeits- und Lebensbereiche. Der Wandel der Arbeit durch neue, mobile und digitale Arbeitsformen ist von großer Ambivalenz gekennzeichnet. Es entstehen alternative Formen der Arbeit, die mehr Freiheit versprechen. Gleichzeitig stellen Orientierungslosigkeit, Überforderung und existentielle Ängste in der Arbeitswelt neue Herausforderungen dar. Die individuelle Sinnfrage und das Identitätsbewusstsein einzelner Menschen erfährt insbesondere aus der Arbeitswelt eine Gefährdung. Eine Folge der Digitalisierung ist u.a., dass sich alte bestehende Berufsmuster und das dahinterstehende Selbstbewusstsein auflösen. Gering Qualifizierten droht Arbeitslosigkeit; zugleich wird das Ausmaß prekärer Beschäftigungsverhältnisse in der digitalen Arbeitswelt stark anwachsen. Cloud- und Klickworker haben bisher keine soziale Absicherung und Mitbestimmungsmöglichkeit. Sie partizipieren daher nicht am solidarischen Gemeinschaftscharakter der Arbeit.

 

Qualifizierungs- und Entwicklungschancen

Das Recht auf eine gute Bildung und Ausbildung eröffnet den Menschen ein Leben und eine Arbeit in Würde. Deutschland ist aber das Land in Europa, in dem der Zusammenhang zwischen erreichtem Bildungsabschluss und sozialer Herkunft am größten ist. Der Einsatz neuer Technologien, der Abbau von Hierarchien im Betrieb, die Verlagerung koordinierender Aufgaben auf die ausführende Ebene – all das stellt höhere Anforderungen an die Beschäftigten. Gute Bildung muss das Fundament für die „Gute Arbeit“ der Zukunft sein. Sie ermöglicht auch die demokratische und kulturelle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Diese Forderung ist schließlich Ausdruck des christlichen Arbeitsverständnisses, wonach alle Beteiligten gemäß ihren Fähigkeiten an der gemeinsamen Arbeit beteiligt sein sollen. Diese individuellen Fähigkeiten gilt es zu fördern und auszubilden.

 

Europäische Perspektive

Der gemeinsame europäische Binnenmarkt ist auch ein Raum des Wettbewerbs und eines grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehrs, der rechtlich und praktisch noch im Zusammenwachsen begriffen ist. Eine Ausnutzung von unterschiedlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie dies begünstigende Unterschiede im Steuerrecht gilt es einzudämmen. In der Bibel sind solche Gesetze, die Arbeiter vor Übergriffen und Ausbeutung schützen oder ökonomische Mechanismen wie Wucherpreise, -zinsen oder dauerhafte Abhängigkeit durch Schuldknechtschaft begrenzen, aus dem Glauben an den befreienden Gott niedergelegt. Hohe arbeits- und sozialrechtliche Standards lassen sich nicht mehr allein national sichern. Mit dem Recht aller Bürgerinnen und Bürgern von Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, sich in jedem EU-Land Arbeit und Wohnung zu suchen, ist ein europäischer Arbeitsmarkt geschaffen worden. Nötig ist eine Regulierung der Arbeitsmärkte, die Beschäftigung sichert und Menschen für neue Beschäftigung qualifiziert. Die europäischen Arbeits- und Gesundheitsstandards sind Voraussetzungen für gesunde Arbeitsbedingungen und müssen in einer sich wandelnden Arbeitswelt modernisiert werden. Dazu gehören auch mehr europäische Mitbestimmungsrechte.

 

Einwanderung

In diesen Tagen suchen unzählige Menschen in unserem Land Schutz vor Vertreibung und unerträglichen Lebensumständen. Gewerkschaften und Kirchen begrüßen und unterstützen die herzliche und tatkräftige Willkommenskultur in Deutschland, die hilft, die unmittelbare Not der Flüchtlinge zu mindern. Viele dieser Menschen werden für längere Zeit oder immer in Deutschland bleiben. Es gilt, ihnen daher nicht nur Schutz zu bieten, sondern auch eine Perspektive auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und gemeinsamen Wohlstand. Dazu gehören ganz wesentlich Ausbildung und Arbeit. Den schutzsuchenden Menschen muss es ermöglicht werden, durch Erwerbsarbeit gesellschaftliche Integration, Wertschätzung und gerechte Teilhabe zu erlangen. Die Ausbeutung von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten als billige Arbeitskräfte lehnen wir ab, der gesetzliche Mindestlohn muss für alle gelten. Die Kirchen berufen sich auf ihr christliches Menschenbild und die Gewerkschaften auf ihre humanistische Tradition. Sie wollen in schutzsuchenden Menschen nicht nur potentielle Lückenfüller im demographischen Wandel oder potentielle „Facharbeiter“ sehen. Zuwanderung hat unser Land in der Vergangenheit nicht nur verändert, sondern es auf viele Arten bereichert. Willkommenskultur heißt auch, die Chance der Zuwanderung zu nutzen. Aber Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus zeigen, dass wir immer wieder für ein offenes Europa und ein humanes Miteinander werben müssen. Die Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt sind in der kommenden Zeit wichtige Herausforderungen für Gewerkschaften und Kirchen im Norden.

 


Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 430.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.


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