Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 083 - 11.11.2014

Ausbildungsreport 2014 für Mecklenburg-Vorpommern: Das Land braucht eine Qualitätsoffensive

Der „Ausbildungsreport 2014“ für Mecklenburg-Vorpommern dokumentiert erneut gravierende Qualitätsmängel in den Ausbildungsbetrieben des Landes. Sorgenkind Nummer 1: Hotels, Gaststätten und Restaurants.

Nirgendwo sonst müssen Auszubildende so viele Überstunden schieben, nirgendwo sonst wird so laut die Überlastung und fehlende fachliche Qualität der Ausbildung beklagt wie in der Gastronomie - die Vertragslösungen sind nach wie vor überdurchschnittlich. Zudem ist die Ausbildungsbetriebsquote in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Jahren erneut gesunken; auf einen Anteil von nur noch 21,3 Prozent (2011: 21,7 Prozent).

Datenbasis: 1540 landesweit befragte Auszubildende aus 20 Ausbildungsberufen in Mecklenburg-Vorpommern, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V., isoplan-Marktforschung GbR Saarbrücken / Berlin.

Ingo Schlüter, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord (DGB Nord): „Das Qualitätsproblem in den Hotels und Gaststätten wird den Fachkräftemangel verschärfen, und es erschwert auch die Bemühungen, den Tourismus im Land zu stärken. Die Kontrollen der Kammer und des Landes müssen deshalb ausgeweitet werden – Betriebe, die ihre Auszubildenden als billige Arbeitskräfte missbrauchen, sollte die Ausbildereignung grundsätzlich entzogen werden. Junge Menschen brauchen Ausbildung in einer Qualität, die ihre Einkommens- und Lebensperspektiven nachhaltig sicherstellt. Deshalb ist neben den Verbänden und Kammern auch die Landesregierung gefordert, für eine neue Ordnung am Ausbildungsmarkt und eine gute Ausbildung zu sorgen.“

Jeanine Weigel, Bezirksjugendsekretärin des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord (DGB Nord): „Die Ergebnisse des Reports sind für einzelne Branchen alarmierend. Die Ausbildungsbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern brauchen eine verbindlich kontrollierte Qualitätsoffensive. Jugendliche, die sich für eine Ausbildung interessieren, sollten sich sehr genau informieren, ob der gewählte Ausbildungsbetrieb eine gute Ausbildungsqualität garantiert und wie die Perspektiven nach der Ausbildung in diesem Betrieb aussehen.“

Einige Ergebnisse zur Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern 2014:

  • 66 Prozent der Azubis bewerten die fachliche Qualität ihrer Ausbildung als „gut“ oder „sehr gut“ - die Probleme häufen sich in wenigen Branchen.
  • Nur jede_r dritte Auszubildende_r hat die Zusage, nach der Ausbildung auch übernommen zu werden.
  • 19 Prozent der Azubis unter 18 Jahren machen regelmäßig Überstunden, obwohl dies gesetzlich verboten ist.

 

Negativtrends 2011 – 2014

2011: 45 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Ausbildungsplan „immer“ eingehalten wird.

2014: Nur noch 33,8 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Ausbildungsplan „immer“ eingehalten wird.

2011: 30,8 Prozent gaben an, regelmäßig Überstunden machen zu müssen.

2014: 31,7 Prozent gaben an, regelmäßig Überstunden machen zu müssen.

Alarmierend ist hierbei, dass der Anteil derer, die 11 bis über 20 Überstunden pro Woche ableisten, noch immer 8,2 Prozent (8,4 Prozent 2011) beträgt. Auch ist der Anteil derer, die diese Überstunden weder durch Freizeitausgleich noch mit Geld ausbezahlt bekommen, mit 15,9 Prozent (2011: 15,7 Prozent) immer noch erschreckend hoch.

 

Positivtrends 2011 - 2014

2011: 24,2 Prozent gehen von einer sicheren Übernahme aus.

2014: 31,6 Prozent gehen von einer sicheren Übernahme aus

Dies stellt eine positive Entwicklung dar, die gefördert werden muss, da dieser Anteil sowohl aus Sicht der Azubis wie vor dem Hintergrund der zu erwartenden Fachkräfteentwicklung noch immer völlig unbefriedigend ist. 

2011: 52 Prozent erhalten eine Ausbildungsvergütung von nur 250 bis 500 Euro.

2014: 37,6 Prozent erhalten eine Ausbildungsvergütung von nur 250 bis 500 Euro.

Ein positiver Trend, der auch auf den erkämpften Flächentarifvertrag im Hotel- und Gaststättenbereich zurückzuführen ist. Es muss aber ebenfalls festgehalten werden, dass sich im bundesweiten Schnitt der Anteil derer, die 750 bis 1000 Euro monatlich bekommen, stark erhöht hat, während in Mecklenburg-Vorpommern der Anteil von 16,7 Prozent in 2011 zu 14,2 Prozent in 2014 sogar leicht gesunken ist.

 

Forderungen:

 

  • Wir fordern, dass gesetzliche Bestimmungen und Rahmenpläne wirksam durch die zuständigen Stellen kontrolliert und Ausbildungsmängel in den Betrieben geahndet und veröffentlicht werden.
  • Wir fordern eine Ausbildungsvergütung nach tariflichen Standards, die zum eigenständigen Leben reicht.
  • Wir fordern tarifliche Übernahmeregelungen, um sowohl Perspektiven für die Jugendlichen als auch eine Zukunft für Mecklenburg-Vorpommern zu schaffen.
  • Wir fordern, die Mitbestimmung in der Ausbildung zu stärken, da sie eindeutig die Qualität der Ausbildung sichert.
  • Die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft gerade auch für Jugendliche mit formal weniger guten Voraussetzungen zur Sicherung des Fachkräftebedarfs muss zunehmen. Die Ausbildungsbetriebsquote ist in Mecklenburg-Vorpommern noch immer zu gering und sinkt weiter. Sie ist im Jahr 2012 in   Mecklenburg-Vorpommern erneut gesunken; auf einen Anteil von nur noch 21,3 Prozent (2011: 21,7 Prozent.)
  • Wir fordern eine Ausbildungs- und Verbleibestatistik auf Landesebene, die Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt und die Bewegungsströme nach Verlassen der allgemeinbildenden Schule vollständig erfasst.

Der DGB Nord unterstützt die formulierten Zielstellungen und Maßnahmen aus dem im Januar 2011 geschlossenen Fachkräftebündnis Mecklenburg-Vorpommern zur Verbesserung der Ausbildungsqualität und das 2014 verabschiedete Landeskonzept „Übergang Schule – Beruf“. Die Inhalte müssen konsequent und zügig umgesetzt werden – denn kein Jugendlicher darf verloren gehen!

Einige Ergebnisse im Einzelnen für den Bereich Hotel- und Gaststättenberufe in Mecklenburg-Vorpommern:

 

  • 49,4 Prozent der Auszubildenden bewerten die fachliche Qualität der Ausbildung als „befriedigend“ bis „mangelhaft. Jedem dritten Azubi liegt kein betrieblicher Ausbildungsplan vor; 13 Prozent müssen häufig bzw. immer ausbildungsfremde Tätigkeiten machen.
  • Jeder vierte Azubi arbeitet mehr als 40 Stunden pro Woche, 9,3 Prozent leisten mehr als 15 Überstunden durchschnittlich in der Woche.
  • Nur 53,5 Prozent der angehenden Köche und Köchinnen bekommen einen Ausgleich für Überstunden (gegenüber 80 Prozent der Kaufmänner und - frauen für Bürokommunikation).

 

Forderungen Hotel- und Gaststätten

 

  • Überstunden, die nach dem Berufsbildungsgesetz für Auszubildende für das Erreichen des Ausbildungsziel grundsätzlich nicht vorgesehen sind, müssen in dieser Branche dringend zurückgefahren werden und der gesetzlich vorgeschriebene Ausgleich durch Freizeit bzw. Entgelt umgesetzt werden.
  • Die Arbeitgeber der Branche sind dringend gefordert, die Ausbildungsvergütung und die Urlaubsansprüche deutlich zu erhöhen und an die Bedingungen in anderen Branchen anzugleichen.
  • Die Arbeitgeber im Hotel- und Gaststättenverband sind dringend gefordert, in Kooperation mit der Gewerkschaft eine gute Ausbildung junger Menschen in der Branche sicherzustellen und damit Auszubildende nicht länger gesetzeswidrigen Zuständen auszusetzen. Dies muss auch von der Landesregierung begleitet werden.
  • Die Industrie- und Handelskammern müssen die Qualität der Ausbildung viel stärker überwachen und ggf. die Ausbildereignung entziehen. Ausbildungsbetrieben mit Lösungsquoten über 30 Prozent im Dreijahresmittel, welche gefährdete Auszubildende nicht für die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) der Arbeitsagentur anmelden, muss die Ausbildereignung grundsätzlich entzogen werden.
  • Eine „Soko Jugendarbeitschutz“ muss vom Sozialministerium eingerichtet werden, um die Ausbildungsbedingungen minderjähriger Auszubildender, die besonderen Schutzvorschriften nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz unterliegen, wirksam zu kontrollieren - insbesondere die Arbeitszeiten und den Ausgleich von Mehrarbeit.
  • Darüber hinaus soll das Land den Landesausschuss für Jugendarbeitsschutz einberufen, um weitere Schritte mit allen Beteiligten zu beraten. Das Hotel- und Gastgewerbe muss unter Risiko- und Prioritätsaspekten in einer höheren Gefahrenklasse als bisher eingestuft werden.

Die Umsetzung des Bundesprogramms Mobi-Pro in Mecklenburg-Vorpommern muss scharfen Kriterien und Kontrollen unterworfen werden; junge Europäer_innen dürfen nicht als billige Arbeitskräfte und Lückenfüller in den Problembranchen ausgenutzt werden. Wir fordern eine angemessene Unterkunft am Ausbildungsort, die Anerkennung bereits im Herkunftsland erworbener Kompetenzen und die umfassende Aufklärung über Rechte in der Ausbildung. Zudem müssen die Betriebe, die das Programm nutzen, höhere Vergütungen zahlen, um sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen und von Subventionen zu profitieren.


Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 430.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.


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