Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 08 - 30.01.2018

Arbeitsmarkt im Norden: Immer mehr sachgrundlose Befristungen

Fast die Hälfte aller neu abgeschlossenen Arbeitsverträge im Norden sind befristet. Der Anteil der sachgrundlosen Befristungen liegt in Schleswig-Holstein bei 39 Prozent, in Hamburg bei 55 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern bei 28 Prozent. Die Union verhandelt derzeit mit der SPD über eine neue Koalition. Dies bietet auch die Chance, die Arbeit neu zu ordnen.

Die Gewerkschaften erinnern CDU und CSU an ihr Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017. Darin heißt es: „Befristete Arbeitsverhältnisse dürfen unbefristete Arbeitsverhältnisse nicht einfach ersetzen. Deshalb werden wir offenkundige Missbräuche abstellen. Gerade Berufsanfänger, die eine Familie haben oder gründen wollen, brauchen eine verlässliche Perspektive.“

2,8 Millionen Menschen in Deutschland haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag - das sind über eine Million mehr als noch vor 20 Jahren.  Im Norden haben sich die Zahlen nahezu verdreifacht: Schon fast jeder zehnte Beschäftigte ist nur befristet tätig. Der starke Anstieg beruht auch auf der vom Gesetzgeber 2001 eingeräumten Möglichkeit, sachgrundlos befristet einzustellen - früher brauchte ein Arbeitgeber laut Gesetz sehr triftige Gründe für eine befristete Anstellung, zum Beispiel eine Krankheitsvertretung. Betroffen sind vor allem der Dienstleistungssektor, das Gesundheitswesen sowie junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auch im öffentlichen Sektor ist die Zahl der sachgrundlosen Befristungen deutlich zu hoch.

Im Vergleich zu Normalarbeitsverhältnissen werden befristet Beschäftigte deutlich schlechter entlohnt, in Hamburg zum Beispiel mit minus 8 Euro brutto pro Stunde, in Schleswig-Holstein mit minus 5 Euro brutto pro Stunde. Wer nur befristet mit Zeitvertrag jobbt, profitiert seltener von Lohnerhöhungen, er oder sie hat geringere Aufstiegschancen und weniger Weiterbildungsangebote. Befristet Beschäftigte sind weniger zufrieden, weniger motiviert und haben mehr gesundheitliche Probleme, ergaben Befragungen des DGB. Für Betriebsräte ist es zudem schwieriger, diese Beschäftigten mit Perspektive zu vertreten. Denn häufig nehmen diese Arbeitnehmer alles hin - aus Angst, einen möglichen Anschlussvertrag zu gefährden.

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord:

„Es sind längst nicht nur Berufsanfänger, sondern immer öfter auch Beschäftigte aus den mittleren und höheren Altersgruppen, die ohne sachlichen Grund nur für ein, zwei Jahre eingestellt werden. Das schafft eine riesengroße Verunsicherung und macht jede Zukunftsplanung unmöglich. Wenn junge Menschen im Beruf beginnen und sich nur von Befristung zu Befristung hangeln müssen, dann zerstört dies Perspektiven. Wer nicht sicher planen und kalkulieren kann, der gründet seltener oder später eine Familie. In einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt ist Jahrelöhnerei eine Zumutung. Es ist höchste Zeit, dass Bundestag und Bundesregierung hier ein Stoppzeichen setzen. Die Arbeit braucht neue Ordnung. Wir wollen keine Arbeitswelt aus sachgrundlosen Befristungen, Leiharbeit und Minijobs - wir wollen unbefristete Arbeit zu guten Tariflöhnen, die für die ganze Familie reichen. Wenn die Firmenleitungen immer und überall sichere rechtliche Rahmenbedingungen für ihre Unternehmen fordern, dann muss das auch für ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gelten. Die Gewerkschaften sagen daher: Die sachgrundlose Befristung muss abgeschafft werden, das würde endlich wieder mehr Sicherheit und Zuversicht in unsere Gesellschaft bringen.“

 


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