Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 053 - 04.06.2015
Schlecht entlohnt, prekär beschäftigt – und überhaupt nicht blöd

DGB Nord legt FrauenDatenReport für Schleswig-Holstein vor

Trotz immer besserer Qualifikation ziehen Schleswig-Holsteins Frauen in der Arbeitswelt nach wie vor den Kürzeren. Und zwar beim Gehalt ebenso wie bei den Karrierechancen. Gründe sind die unterschiedliche Berufswahl von Frauen und Männern, die überwiegend von Frauen ausgeübten Minijobs und Teilzeitstellen und ein tradiertes Geschlechtermodell, welches für Frauen die Rolle als Zuverdienerin festlegt. Dies zeigen Analysen des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord (DGB Nord) in seinem aktuellen FrauenDatenReport Schleswig-Holstein.

Einige Ergebnisse:

·         Die Erwerbstätigenquote der schleswig-holsteinischen Frauen stieg in den letzten 10 Jahren zwar um fast 8 Prozentpunkte auf 68,4 Prozent. Allerdings entsteht der Zuwachs vor allem durch atypische Beschäftigung. Im Bundesdurchschnitt sind 46,6, Prozent Frauen von atypischer Beschäftigung betroffen, in Schleswig Holstein 51 Prozent.

·         Nur jede zweite sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frau in Schleswig-Holstein arbeitet in Vollzeit, während es bei den Männern fast 90 Prozent sind. Allein zwischen Juni 2013 und Juni 2014 stieg der Zahl der teilzeitbeschäftigten Frauen um über 6.000 auf 209.190 Frauen an.

·         62 Prozent der geringfügig Beschäftigten sind Frauen.

·         Vollzeitbeschäftigte Frauen in Schleswig-Holstein bekommen im Schnitt 578 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen.

·         Obwohl die Hälfte der Beschäftigten in Schleswig-Holstein Frauen sind, werden nur 20,6 Prozent der Führungspositionen von ihnen besetzt.

·         Fast jede vierte Familie in Schleswig-Holstein hat einen alleinerziehenden Haushaltsvorstand. Etwa 85 Prozent der Alleinerziehenden sind weiblich. Sie sind überproportional auf Hartz IV –Leistungen angewiesen.

·         Fast jedes dritte Kind (30,4%) in Schleswig-Holstein unter 3 Jahren wird in einer öffentlichen Einrichtung betreut. Im Bundesdurchschnitt liegt die Quote bei 32,3 Prozent. Schleswig Holstein hat zwischen März 2013 und März 2014 den zweitgrößten prozentualen Anstieg an Betreuungsplätzen ( +4,1%) zu verzeichnen.

·         Von den 6.733 Leistungsbezügen zum Betreuungsgeld werden 95 Prozent an Mütter ausgezahlt.

 

Lisanne Straka, Abteilungsleiterin Frauen- und Gleichstellungspolitik beim DGB Nord:

„Mit dem FrauenDatenReport will der DGB Nord eine Übersicht über die Situation und Perspektiven von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein geben und Handlungsansätze zum Abbau von Ungleichgewichten von Frauen und Männern aufzeigen. Dafür haben wir uns die Bereiche Bildung und Ausbildung, Erwerbsleben, Führungspositionen und Vereinbarkeit von Beruf und Familien-/Privatleben aus einer gleichstellungsperspektive näher angeschaut. Die Zahlen machten uns erschreckend deutlich: Trotz aller Verbesserungen, etwa in der Bildung und bei der Kinderbetreuung, sind wir von tatsächlicher Gleichberechtigung in Schleswig-Holstein noch weit entfernt. Zwar haben Frauen in keinem gesellschaftlichen Bereich so stark aufgeholt wie in der Bildung , jedoch schlägt sich der schulische Erfolg nicht auf die berufliche Karriere nieder. Mit den Beratungsstellen Frau&Beruf hat Schleswig–Holstein immerhin ein niederschwelliges, individuelles Beratungsangebot für arbeitssuchende Frauen und Berufsrückkehrerinnen - Frauen wird so ermöglicht, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.“

 

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord:

„Es ist ein Märchen, dass Frauen gleichgestellt sind. Es gibt noch viel zu tun, für Arbeitgeber und Unternehmensleitungen, für Betriebsräte und Gewerkschaften, für Politiker und Regierungen. Schon in der Ausbildung beginnt die finanzielle Benachteiligung. Und im Berufsleben geht es weiter: Ohne jeden Grund werden weiblich dominierte Berufe in Gesundheit, Erziehung, Pflege und Dienstleistung schlechter bezahlt als typische Männerberufe. Nicht nur die Berufswahl, sondern auch die mangelhaften Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf, Familien- und Privatleben verhindern eine gleichberechtigte Erwerbsbeteiligung von Frauen. Die Folgen sind drastisch: Jede dritte Frau in Schleswig-Holstein bezieht einen Niedriglohn. Jede zweite Frau in Schleswig-Holstein arbeitet befristet, in Teilzeit oder einem Minijob. Alleinerziehende haben ein besonders hohes Armutsrisiko. Sie empfangen überdurchschnittlich häufig Hartz IV, mehr als jede/r dritte Alleinerziehende mit Anspruch auf Hartz IV in Schleswig-Holstein ist erwerbstätig, 15 Prozent davon sogar in Vollzeit. Das Land braucht weiter eine engagierte Gleichstellungspolitik – und Arbeitgeber, die viel mehr tun als bisher. Der Anfang sind Tarifverträge und Equal Pay.“

Um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern tatsächlich durchzusetzen, fordert der DGB:

-           Ein Entgeltgleichheitsgesetz, dass Unternehmen zu einer geschlechtergerechten und transparenten Entgeltpraxis verpflichtet.

-           Eine grundlegende Reform von Minijobs: Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse müssen ab dem ersten Euro sozialversicherungspflichtig sein.

-           Kein Aufweichen der Mindestlohnregelungen.

-           Die Abschaffung des Betreuungsgeldes.

-           Eine geschlechtssensible Berufs- und Studienorientierung, die keine Türen verschließt. Dazu gehört auch die Stärkung des „Girls` Day“.

-           Eine gesamtgesellschaftliche Debatte zur lebensphasenorientierte Arbeitszeitgestaltung.

-           Einen Rechtsanspruch auf die Rückkehr aus Teilzeit- in Vollzeitbeschäftigung.

-           Eine echte Vereinbarung von Beruf und Familie/-Privatleben, auch durch einen hochwertigen Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für Kinder und pflegebedürftige Familienangehörige.

-           Eine Politik, die Alleinerziehende aus der Armutsfalle holt, und die Chancen auf Integration in Arbeit verbessert.

-           Eine durchgängig geschlechterbezogene Datenlage.

 

Von den Arbeitgebern in Schleswig-Holstein erwarten wir - auch vor dem Hintergrund des Streiks der Erzieherinnen - eine Aufwertung von typischen Frauenberufen und eine stärkere Tarifbindung der Unternehmen. Nach Tarif bezahlte weibliche Beschäftigte erhalten gut 9 Prozent höhere Stundenlöhne als Frauen ohne Tarifvertrag. (Vgl. Männer 7%). Tarifverträge tragen somit auch zu mehr Entgeltgleichheit von Frauen und Männern bei. Hier gibt es auch für die Kammern und Unternehmensverbände noch viel zu tun. Beendet werden muss die Polemik gegen den Mindestlohn, denn von der Lohnuntergrenze haben Schleswig-Holsteins Frauen besonders viel.

Außerdem stehen die Unternehmen in der Verantwortung, Frauen so zu fördern und zu berücksichtigen, dass sie eine Führungsposition ausüben können. Insbesondere ein vereinbarkeitsorientiertes Unternehmensklima ist Voraussetzung zum Ausschöpfen des Arbeitspotentials von Frauen. Dies wäre auch ein Beitrag gegen den oft beschworenen Fachkräftemangel im Norden.


Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 430.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.


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