Deutscher Gewerkschaftsbund

03.03.2023
Unser Blog zum Wandel der Arbeit im Norden

Lost bei Ludwigslust

Rufbus oder "Wir-kommen-zu-Dir"-Bus?

Wir nehmen Euch mit auf eine kleine Reise. Durch unseren Landkreis von Schwerin nach Ventschow, um den Rufbus zu testen. Der soll den ÖPNV im Kreis sinnvoll ergänzen. Tut er das? Ist er eine Alternative, um für den Arbeitsweg das Auto stehen zu lassen? Eine Lösung für bessere Mobilität im ländlichen Raum? Kommt mal mit.   

Was für eine schöne Fahrt! Gerade winken wir noch unserem netten Rufbus-Fahrer zum Abschied zu, da geht unser Blick Richtung Gleis. Ganz gemächlich zuckelt da der Regionalzug Richtung Schwerin davon. Anschluss verpasst. Hätten wir nicht eh einen Termin in Ventschow gehabt, unsere gute Laune wäre jetzt schlagartig verschwunden.

Ein Moment, der unsere ganze Abenteuertour mit dem Rufbus ganz gut zusammenfasst: Auf der einen Seite „oh und ah“, auf der anderen „oh nein“.

Aber der Reihe nach

Mobilitätsstudie

Mobilitätsstudie DGB Nord

„Lasst uns das doch einfach mal testen.“ Mit diesem Satz hatte alles begonnen. Ausgesprochen bei einer Sitzung unseres DGB-Kreisvorstandes Ludwigslust-Parchim.  Es ging gerade um unsere Mobilitätsstudie, in der auch der Rufbus Thema ist. Aber hatte den schon mal jemand benutzt? Die Antwort könnt ihr euch denken.

Aber wie kann das sein: Ein Angebot, dass den öffentlichen Nahverkehr auf dem Land ergänzen soll und noch keiner hat es ausprobiert? Na dann, los.

Aber wir wollten schon den ganzen Spaß: Also Rufbus verbunden mit allen ÖPNV-Angeboten im Landkreis. Denn darum geht es ja: Ist es ein sinnvolles Fortbewegungsmittel, um zum Beispiel für den Weg zur Arbeit auf das Auto zu verzichten?

Ticketbuchung – doppelt hält besser?

Klar, mit einer App wird das Ticket gebucht. Aber nicht mit der App, mit der wir den Rufbus rufen. Nein, für die Fahrkarte gibt es eine ganz exklusive, zweite Anwendung.

Immerhin: Einfach ist es. Und - wer es digital nicht schafft oder mag - telefonisch lassen sich die Tickets zu den üblichen Bürozeiten ebenfalls beim Verkehrsverbund Ludwigslust-Parchim (VLP) bestellen.

Die Preise für die Fahrt sind, bis auf einen zusätzlichen Euro Servicegebühr pro Person, exakt die für eine übliche Busfahrt und somit annehmbar.

Der Start: Wanderung zum „Kommt zu mir“-Bus

Auf der Landstraße unterwegs...

Auf der Landstraße unterwegs... privat

Ein stürmischer Montagmorgen im November: Mit allem ausgerüstet was nötig ist, starten wir auf unsere Tour. Der Rufbus ist aber leider erst mal ein „Wir-kommen-zu-dir-Bus“.

Los geht es mit einem normalen Linienbus, der uns nah an die feste Haltestelle mit der festen Abfahrtszeit des Rufbusses bringen soll. Nah ist relativ. Denn zwischen den beiden Haltestellen liegt ein Weg von etwa zwei Kilometern.

Naja, Proviant und Getränke hatten wir ja dabei. Und wer jetzt denkt: Was haben die beiden gegen eine kleine Wanderung, ist doch gesund?! Der Weg verlief auf einer Straße. Ohne Fußgängerweg.

Gerufen und gekommen – aber nicht für eine Shopping-Tour

Wir erreichen die Haltestelle rechtzeitig und der Rufbus kommt pünktlich auf die Minute an - ein Transporter mit Kapazitäten für acht Reisende und einem freundlichen, erfahrenen Fahrer.

Der hat eine Menge zu erzählen: Wie gut das Angebot genutzt werden würde - allerdings von den immergleichen Personen und - Achtung - bis auf eine Ausnahme auch nicht für den Weg zur Arbeit.

Es gäbe zum Beispiel eine Fahrgemeinschaft älterer Damen, die sich einmal wöchentlich nach Schwerin fahren lassen, um dort Kaffee zu trinken und zu shoppen. Auch schön.

Ralf wartet

Ralf wartet privat

Einen guten Hinweis gibt er uns noch: Die Fahrzeuge bieten auch Platz für Fahrräder, so dass sie auch als Zubringer fungieren können.

Kein Anschluss an diesem Bahnhof…

Unsere Haltestelle in Ventschow, direkt am Bahnhof, erreichen wir fünf Minuten vor der fahrplanmäßigen Ankunftszeit. Und da kommen wir wieder zurück zu der Szene, die wir am Anfang geschildert haben.

Kleine Anekdote am Rand: Nach unserer Verabredung haben wir für die Rücktour nach Schwerin dann doch den Zug genommen. Dafür sollte man aber vorbereitet sein. Denn es gibt am Bahnhof Ventschow keinen Fahrkartenautomaten - und leider auch keinen Handyempfang, um die DB App zu nutzen.

„Rufbus, ruf mal die anderen zum Vernetzen an…“

Fazit: In Schwerin zurück, waren wir insgesamt drei Stunden unterwegs, mit einer Stunde Aufenthalt in Ventschow. Es waren 70 Kilometer für die ganze Runde. Mit dem Auto wären wir in unter einer Stunde zurück gewesen. Schnell ist anders.

Es gibt aber auch einen Werbeblock. Pünktlich, preiswert und komfortabel war die Fahrt mit dem Rufbus. Jedoch: was nützt das, wenn die Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt sind? Damit fällt der Rufbus als Zubringer, insbesondere für Berufspendler, schon mal aus.

Um die Beschäftigten, unsere Kolleginnen und Kollegen, zu überzeugen, müssen Fahrpläne und Zeiten noch viel besser an ihre Bedürfnisse angepasst werden.

Mobilitätsstudie im Landkreis

Mobilitätsstudie im Landkreis DGB Nord

Auch wenn die Überschrift zu diesem Text geschummelt ist (wir waren ja nicht mal in der Nähe von Ludwigslust): Lost gefühlt haben wir uns schon ein wenig.

Bitte ein bisschen weniger Abenteuer

Und ein bisschen mehr Werbung können die Rufbusse auch vertragen. Auch wenn das Angebot offenbar von einigen gut genutzt wird, in unserem Umfeld gibt es nur wenige, die sich damit überhaupt schon mal auseinandergesetzt haben.

Also: Wir sehen das Potenzial - aber es bleibt noch viel zu tun. Denn wir wissen, dass vergleichbare Angebote an anderen Orten gut funktionieren.

Ein bisschen weniger Abenteuer, mehr Tour – das wäre es.

Nicole Krull, Ralf Kähler, Felix Hoffmann


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Nicole und Ralf
Nicole Krull und Ralf Kähler gehören zum DGB Kreisvorstand Ludwigslust-Parchim und sind Mitglied bei der Gewerkschaft EVG.
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