Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 083 - 12.09.2012

Sylt, die Stress-Insel: Ergebnisse der Pendler-Umfrage des DGB Nord

Wer hätte das gedacht? Auf der reichsten Insel des Landes wird der Mindestlohn besonders sehnlich erwartet: 26 Prozent aller Pendler, die sich an einer Befragung des DGB Nord beteiligt haben, verdienen nicht einmal 8,50 Euro pro Stunde. Damit zahlen die Arbeitgeber auf Sylt sogar noch schlechter als im bundesweiten Durchschnitt.

Auf Sylt arbeiten, das heißt: Mehr Arbeitsverdichtung, weniger Mitbestimmung und mehr Stress für weniger Geld als im ohnehin bedenklichen Bundesdurchschnitt üblich.

Vom 13. bis 17. August hatten die Interviewer der Gewerkschaften an den Bahnhöfen in Klanxbüll und Niebüll mit einem Fragebogen die an- und abreisenden Arbeitnehmer und Auszubildenden nach ihrer Lage, den Sorgen und Wünschen befragt. Überschrift der Aktion: „Schöne Insel, gute Arbeit?“ Der DGB-Infobus, die Experten des DGB Rechtsschutz und der Einzelgewerkschaften standen für Gespräche bereit.

402 Fragebögen konnten ausgewertet werden – damit haben sich gut zehn Prozent der Pendler an der Befragung beteiligt. Die Umfrageergebnisse erheben zwar nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein – aber sie werfen ein Schlaglicht auf die Themen, die Sylt-ArbeitnehmerInnen beschäftigen und über die der DGB mit den Beschäftigten weiter im Gespräch bleiben will.

Die Ergebnisse in der Zusammenfassung:

  • Während die Handwerker in der Regel tariflich entlohnt werden, wird in anderen Branchen die Mindestlohngrenze von 8,50 Euro vielfach und überdurchschnittlich unterschritten: Jeder vierte Befragte verdient weniger.
  • In der Mehrzahl müssen die Beschäftigten ihre Interessen allein vertreten, weil ein Betriebsrat oder eine Mitarbeitervertretung auf der Insel fehlt.
  • Fast zwei Drittel der ArbeitnehmerInnen fühlen sich auf Sylt sehr häufig oder oft bei der Arbeit gehetzt - sie haben mitten in der Urlauberwelt das Gefühl, in der gleichen Zeit immer mehr schaffen zu müssen. Die Überstunden befinden sich für die meisten im Durchschnitt – aber auf Sylt arbeiten gegenüber dem Bundesgebiet fast doppelt so viele mehr als 15 Überstunden pro Woche.
  • Die Preise auf Sylt schrecken ab. Von denjenigen, die früher auf der Insel gewohnt haben, sagen nur noch etwa 30 Prozent, dass sie dort eigentlich gerne wieder wohnen möchten: „Die Insel ist verkauft.“

In den Gesprächen wurde auf einige weitere Probleme hingewiesen. So wurde deutlich, dass sich viele Sylt-Pendler einen Fahrtkostenzuschuss der Arbeitgeber wünschen. Außerdem wurde die wachsende Leiharbeit moniert.

DGB-Regionsgeschäftsführerin Schleswig-Holstein Nordwest Dr. Susanne Uhl: „Auf der Schattenseite der Insel geht es kalt zu. Dass ausgerechnet dort, wo sich Einkommens- und Vermögensmillionäre tummeln, überdurchschnittlich geringe Löhne gezahlt werden, ist empörend. Sylt zeigt sich so als Symbol der sozialen Spaltung - für Normalverdiener ist es dort kaum noch möglich, eine Wohnung zu mieten. Die DGB-Aktion ist erst der Auftakt unserer Bemühungen, darauf hinzuweisen, dass die vielen unsichtbaren Dienstleistungen auf der Insel von vielen fleißigen Lohnabhängigen geleistet werden, die ein Recht auf faire Arbeitsbedingungen haben. Gute Arbeit heißt: Mitreden und mitgestalten, fairer Lohn, soziale Sicherheit, wirksamer Arbeits- und Gesundheitsschutz - und vor allem Wertschätzung und Respekt, auch auf Sylt. Deshalb werden wir nach der Pendler-Befragung den Fokus weiter auf den dortigen Arbeitsmarkt richten – die Weigerung des Asklepios-Konzerns, den Beschäftigten faire Löhne und einen Tarifvertrag zu geben, zeigt, dass auf der Insel noch vieles im Argen liegt.

Sylt braucht den Mindestlohn. Und: Sylt braucht die Aufmerksamkeit der Kontrollbehörden: Der Gewerbeaufsicht, damit Arbeitszeiten und Gesundheitsschutz eingehalten werden und des Zolls zur Einhaltung von Mindestlöhnen am Bau und in der Gebäudereinigung. Aber es braucht auch die Konsequenz der Politik: So kann eine Zweckentfremdungsverordnung die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen eindämmen. Und das Planungsrecht kann helfen, die Flächennutzung zu regulieren. Beides setzt jedoch den politischen Willen voraus, dem letzten Ausverkauf der Insel auch tatsächlich entgegentreten zu wollen. Und die Bedürfnisse von Wohnbevölkerung und ArbeitnehmerInnen vor den Tourismus und das große Geldverdienen zu setzen.“

Finn Petersen, Geschäftsführer der NGG-Region Schleswig-Holstein-Nord: „An den Umsätzen auf der Insel kann es nicht liegen, dass so schlecht bezahlt wird und so viel Druck auf den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer lastet. Sylt ist wohl eher der Ort, an dem Arbeitgeber sich besonders sicher fühlen, weil ihnen dort weniger Kunden kritisch auf die Finger gucken. Für uns als Gewerkschaft NGG ist die Umfrage der Auftrag, jetzt noch intensiver die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen auf der Insel zu thematisieren. Die Beschäftigten insbesondere der Gastronomie fordern wir auf, sich in den Gewerkschaften zu organisieren, damit sie ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen mit gestalten können und sich selbst anderen nicht ausliefern. Wir als Gewerkschaft NGG werden mit ihnen für humane Arbeitsbedingungen und faire Löhne auf Sylt streiten.“

Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 420.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

 


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