Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 15.02.2005

"Die Ausbildung wird verstaatlicht"

Als einen Erfolg bezeichnen Vertreter der Bundesregierung und der Wirtschaft den Ausbildungspakt. Alle Seiten hätten sich angestrengt, mehr betriebliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Die Gewerkschaften ziehen indes eine deutlich kritischere Bilanz.

tagesschau.de sprach mit DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock.

tagesschau.de: Wie fällt Ihre Bilanz des Ausbildungspakts aus?

Ingrid Sehrbrock: Wir stellen zum einen fest, dass sich die Unternehmen im vergangenen Jahr tatsächlich angestrengt haben und die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze um mehr als vier Prozent gesteigert wurde. Wir wissen aber auch, dass die Zahl der überbetrieblichen Ausbildungsplätze um über zehn Prozent zurückgegangen ist und zugleich die Nachfrage gestiegen ist. Wenn man das alles zusammen betrachtet, hat sich die Situation für die Jugendlichen nicht verbessert, im Gegenteil. Im vergangenen Jahr kamen auf zehn Bewerber sieben Stellen, in den neuen Bundesländern sogar auf zehn Bewerber nur fünf Stellen. Die Relation zwischen Angebot und Nachfrage hat sich verschlechtert, obwohl die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze gestiegen ist.

tagesschau.de: Nun könnte man aus Sicht der Bundesregierung auf das gesamtwirtschaftliche Umfeld verweisen und sagen, es hätte ja noch schlimmer kommen können. Immer hin ist ja die Zahl der Ausbildungsplätze gestiegen. Darf man das nicht einen Erfolg nennen?

Sehrbrock: Das ist natürlich ein Erfolg. Aber wir müssen das ganze Bild sehen. Jugendliche erfahren, dass sie weniger Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Zugleich gibt es eine deutliche Verschiebung hin zu alternativen Maßnahmen, die auch die Statistik beschönigen. Es gehen sehr viele Jugendliche in Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit und erscheinen dadurch nicht mehr in der Statistik. Die Zahl der berufsvorbereitenden Maßnahmen hat sich 2003 von 70.000 auf 160.000 erhöht. Viele Jugendlichen nehmen schulische Ausbildungsgänge auf. Auch diese Zahl ist raketenhaft in die Höhe gegangen. Man darf nicht allein auf die betriebliche Ausbildung schauen.

tagesschau.de: Was ist für Sie das entscheidende Defizit des Ausbildungspakts, wo greift er zu kurz?

Sehrbrock: Bei den betrieblichen Ausbildungsplätzen. Nur noch 49 Prozent der Bewerber erhalten einen solchen Ausbildungsplatz. Wir alle, auch die Arbeitgeber, sind immer stolz auf unser duales System gewesen. Aber wir verstaatlichen die berufliche Bildung, indem wir immer mehr Ersatzmaßnahmen anbieten, um junge Leute von der Straße zu holen. Das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Das ist weder im Sinne der Jugendlichen, die eine Ausbildung haben wollen und nicht irgendeine Maßnahme, noch ist es im Sinne der Steuerzahler. Diese Ersatzmaßnahmen werden ja aus Mitteln der Bundesagentur oder aus Mitteln der Länder bezahlt, und wir höhlen dadurch unser duales System aus.

tagesschau.de: Der DGB und Teile der SPD machen sich ja für eine Ausbildungsabgabe stark. Aber ist sie angesichts der schwachen Konjunktur nicht Gift für die Wirtschaft und insbesondere für den Mittelstand?

Sehrbrock: Die Mittelständler bilden mit am meisten aus und hätten von einer Umlage profitiert. Wer ausbildet, müsste ohnehin nicht zahlen; wer nicht ausbildet, müsste zahlen. Das würde eine Fairness bei den Kosten schaffen. Im übrigen meinen wir, dass es noch besser wäre, wenn die Tarifpartner selbst sich darauf verständigen könnten, so wie es ja beim Bau schon geschehen ist. Dort gibt es schon seit den siebziger Jahren mit großem Erfolg eine Umlage, und das zeigt, dass es ohne Belastung für die Betriebe geht. Im Gegenteil, aus dieser Umlage wird ihnen ja ein Teil der Ausbildungsvergütung erstattet sowie ein Teil der Kosten für die überbetriebliche Ausbildung. Das ist ein Modell, das man auch weiterhin favorisieren kann, weil die Baubranche zeigt, dass es funktioniert.

tagesschau.de: Wie hoch ist Ihrer Einschätzung nach der Prozentsatz der Jugendlichen, die nicht ernsthaft nach einer Stelle suchen oder die schlichtweg nicht vermittelbar sind?

Sehrbrock: Da gibt es unterschiedliche Schätzungen. Die Zahlen schwanken zwischen zehn und zwanzig Prozent. Ich glaube, dass dies viel damit zu tun hat, dass in Zeiten knapper Ausbildungsplätze die Anforderungen an die Jugendlichen hoch geschraubt werden. Im übrigen wissen wir ja, dass wir Probleme in unserem Schulsystem haben. Wir haben aber noch keine Instrumente entwickelt, um diesen Problemen wirklich beizukommen. Wir brauchen kleinere Klassen, wir brauchen mehr begleitende Hilfe durch Sozialpädagogen und Psychologen. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die Tatsache, dass es heute sehr schwer ist, einen Ausbildungsplatz zu ergattern, sich auf die Motivation der Jugendlichen auswirkt. In den Hauptschulklassen sitzen heute viele Jugendliche, die resigniert haben und sich sagen: Es ist egal, ob ich mich anstrenge oder nicht - ich bekomme doch keinen Ausbildungsplatz.

Die Fragen stellte Eckart Aretz, tagesschau.de

Nach oben
Suchbegriff eingeben
Datum eingrenzen
seit bis

Kontakt: Pressestelle

DGB Bezirk Nord
Besenbinderhof 60
20097 Hamburg

Tel. 040-60 77 66 1 - 23
Tel. 040-60 77 66 1 - 18
Fax. 040-60 77 66 1 - 41

Thomas Ritter 

 

Sekretariat: Astrid Lau 

DGB Nord
Lohnspiegel
lohnspiegel.de