Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 114 - 10.12.2012

Immer mehr Niedriglöhne: So vertreibt man Fachkräfte

Nicht nur Teilzeit- und Minijobber verdienen miserabel, sondern auch immer mehr Vollzeitbeschäftigte: Etwa jede und jeder Vierte im Norden bekommt nur einen Niedriglohn für die Vollzeitarbeit. Der DGB Nord legt jetzt dazu eine Studie für die Städte und Kommunen in Schleswig-Holstein vor.

Demnach bekommen 26,97 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten im Norden nur Niedriglohn. Interessant auch die Differenzierung nach Geschlecht: Landesweit beträgt der Anteil der Arbeitnehmer mit Niedriglohn 18,8 Prozent – der Anteil der Arbeitnehmerinnen aber, die niedrig entlohnt werden, erreicht 41,1 Prozent. Regionale Unterscheide sind erkennbar: Im Kreis Pinneberg etwa beträgt die Niedriglohn-Quote 23,5 Prozent, in Nordfriesland 31,8 Prozent, in Ostholstein sogar 34,6 Prozent.

Und wohin man auch guckt: Auf den Lohnzetteln der weiblichen Vollzeit-Arbeitnehmer stehen die niedrigsten Zahlen.  Kiel: 28,6 Prozent der vollerwerbstätigen Frauen sind Niedriglöhne, unter den Männern sind es 16,3 Prozent. In Lübeck gibt es unter den Frauen 37,1 Prozent Billiglohnempfängerinnen -  unter den Männern sind es 21,7 Prozent. In Neumünster steht es 41,2 zu 20,1 Prozent, in Flensburg 40,2 zu 19 Prozent. Nicht berücksichtigt ist in dieser Studie die Gruppe der Teilzeitbeschäftigten – darunter sind viele Frauen, die etwa im Einzelhandel tätig sind. Zwei Drittel aller Minijobber sind weiblich.

Die Studie zeigt auch, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Die Quote derjenigen, die ohne Abschluss sind und Niedriglohn bekommen, ist vielfach etwa doppelt so hoch wie die der Arbeitnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung.

Wer behauptet, Niedriglöhne seien Einstiegslöhne, der liegt falsch: Die Chancen, in besser bezahlte Jobs aufzusteigen, sind relativ gering. Die Billiglöhne werden nach Einschätzung des DGB auch die Altersarmut verstärken: Niedriglohnbeziehern drohen auch Niedrigrenten.

Insgesamt 22,8 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland – die Auszubildenden nicht mitgezählt – zählen zu den Geringverdienern. Für die Erhebung hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die auch von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verwendete Definition über Niedriglöhne zugrunde gelegt. Danach zählt zu den Geringverdienern, wer in seinem Land auf weniger als zwei Drittel des mittleren (durchschnittlichen) Lohns kommt. Die bundesweite Niedriglohnschwelle für diese Vollzeitbeschäftigten lag Ende 2010 bei einem Bruttoentgelt von 1.802 Euro pro Monat; Sonderzahlungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld sind darin bereits berücksichtigt; die Niedriglohnschwelle 2010 liegt demnach in den alten Ländern bei 1.890 Euro brutto und in den neuen Bundesländern bei 1.379 Euro monatlich. Die DGB-Studie basiert auf einer Auswertung der Arbeitgeber-Meldungen für die Sozialversicherung. Stichtag: 31.12.2010.

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord (DGB Nord):

„Der Arbeitsmarkt ist in Unordnung geraten. Es gibt immer öfter Billiglöhne, Zeitarbeit, Minijobs und Werkverträge – damit aber werden die Arbeitgeber weitere Fachkräfte vertreiben, denn der Norden Deutschlands gilt bundesweit längst als Lohnkeller der Nation. Es müssen endlich faire Arbeitsverträge und Maßnahmen her, die prekäre Beschäftigung unterbinden und für bessere Entlohnung sorgen. Dazu sind solide Flächentarifverträge nötig, aber auch der gesetzliche Mindestlohn, Auftragsvergaben der Kommunen oberhalb von 8,50 Euro Stundenlohn, die Sozialversicherungspflicht vom ersten Euro Verdienst an, ein besserer Kündigungsschutz und das Verbot sachgrundloser Befristung von Arbeitsverträgen. Tarifflucht muss unterbunden werden. Da, wo es Tarifverträge gibt, müssen sie für alle Betriebe gelten. Wer weiteres Lohndumping in der Wirtschaftsregion zulässt, der verschärft die Krise und den Fachkräftemangel.

Hinweis:

Weitere Einzelergebnisse aus den Kreisen und Städten in Schleswig-Holstein können die Redaktionen in der Pressestelle des DGB Nord erhalten.

Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 420.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

DGB-Studie: "Risiko Altersarmut: Immer mehr qualifizierte Beschäftigte im Niedriglohnsektor"
http://www.dgb.de/themen/++co++ad7aedf2-33c1-11e2-ab3a-00188b4dc422

Studie der Hans-Böckler-Stiftung: Atypisch Beschäftigte - gut die Hälfte bekommen nur Niedriglohn
http://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_disp_182.pdf

"Working Poor": Jeder zehnte Hauptverdiener von Armut bedroht, im Gastgewerbe sogar jeder dritte
http://www.boeckler.de/14_44790.htm


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