Deutscher Gewerkschaftsbund

Soziales Bündnis gegen Armut in Schleswig-Holstein

09.12.2021

Armut in Schleswig-Holstein

Soziales Bündnis gegen Armut

Logos Partner soziales Bündnis


Kinderarmut, Armut trotz Arbeit und Altersarmut prägen das Leben vieler Menschen im schönen Schleswig-Holstein - gerade jetzt in der Weihnachtszeit. Gemeinsam im sozialen Bündnis Schleswig-Holstein, mit AWO Schleswig-Holstein und SoVD Schleswig-Holstein, zeigen wir anhand der Zahlen aus dem Sozialbericht S-H 2020, welche Dimensionen Armut in Schleswig-Holstein hat und wie wir etwas dagegen tun können. Der Sozialbericht 2020 der Landesregierung wurde in diesem Jahr fast unbemerkt veröffentlicht. Die Daten stammen aus dem Jahr 2018.

zum Sozialbericht Schleswig-Holstein 2020

  • Kinderarmut in Schleswig-Holstein

    Kinderarmut

    Der Sozialbericht 2020 des Landes Schleswig-Holstein zeigt: viele Kinder in Schleswig-Holstein leben in Armut! Der hohe Anteil von Kindern und Jugendlichen in Armut in Schleswig-Holstein ist seit 2011 (17,8%) nochmal um 3,4% gestiegen (21,2% in 2018) und deutlich höher als in der Bevölkerung insgesamt (15,9%). Der Anstieg ist bei allen Altersgruppen zu beobachten (Sozialbericht S-H 2020, S. 241). Dies zeigt einmal mehr, dass Kinderarmut ein immer größeres soziales Problem darstellt, welches viel zu wenig thematisiert und angepackt wird.


    Durch die Covid-19 Pandemie ist eine Erhöhung dieses Wertes zu erwarten, denn das Kurzarbeitergeld reicht gerade für jene nicht, die ohnehin schon am unteren Rand der Einkommensverteilung liegen, z.B. in großen Teilen der Gastronomie und Hotelbranche. Diese Wirtschaftszweige sind in Schleswig-Holstein aufgrund des Tourismus besonders stark ausgeprägt. Schleswig-Holstein ist der Lohnkeller des Westens, gerade hier könnte die pandemiebedingte Wirtschaftskrise schlimme Langzeitfolgen für die finanzielle Situation der Bevölkerung haben.

    73.691 Kinder in Familien mit Mindestsicherungsleistungen

    Eine Teilgruppe der in Armut lebenden Kinder Schleswig-Holsteins stellen dabei die Kinder in Haushalten mit Bezug von Mindestsicherungsleistungen dar (z.B. ALG II). In Schleswig-Holstein lebten 2018 insgesamt 73.691 Kinder und Jugendliche im Bezug von Mindestsicherungsleistungen. Ihr Anteil an allen Minderjährigen beträgt 15,6 % und ist damit um 2,6 Prozentpunkte höher als noch 2011 (13,0 % bzw. 61 782 Personen).
    Dabei weist der Sozialbericht  starke regionale Unterschiede aus, welche dementsprechend auch für Kinderarmut insgesamt gültig sein sollten. Besonders die kreisfreien Städte weisen einen hohen Anteil von Kindern in Armut auf. So liegt die Quote in Flensburg, Kiel, Neumünster und Lübeck über 20%. In Kiel lebt 2018 beinahe jedes dritte Kind in einer Familie die Mindestsicherungsleistungen erhält (29,9%). Am Niedrigsten ist die Quote in Segeberg (11,5%) und Stormarn (10%).

    Mindestsicherungsquote

    Quelle: Sozialbericht S-H 2020, S. 246

    Zusätzlich leben in 2018 in Schleswig-Holstein 7,1 Tsd. Kinder in Familien die den sogenannten Kinderzuschlag erhalten. Der Kinderzuschlag wird vor allem gezahlt um ALG II Bezug zu vermeiden, das bedeutet aber nicht, dass diesen Familien mehr Geld zu Verfügung steht, im Gegenteil sie leben meist auf dem gleichen Niveau wie Familien in Bedarfsgemeinschaften nach SGB II.

    Kinderarmut ist kein Zufall. 

    Besonders von Armut bedroht sind Kinder von Alleinerziehenden (zumeist Frauen)[1], migrantisierten Eltern und Eltern mit niedriger beruflicher Qualifikation.

    Alleinerziehende (insbesondere Frauen) sind beim Thema Armut eine besonders gefährdete Gruppe unserer Gesellschaft. Durch die geringe Tarifbindung und die daraus resultierenden niedrigen Löhne, in Schleswig-Holstein reicht ein Gehalt kaum noch, um eine Familie finanziell zu versorgen. Zudem sind die meisten Alleinerziehenden weiblich, ein weiterer Grund für das hohe Armutsrisiko (Frauen verdienen in der Regel weniger als Männer, im Schnitt ca. 20%). Kinder Alleinerziehender hatten 2018 ein Armutsrisiko von 41,5% im Gegensatz zu 17,1 % Armutsrisiko bei Kindern die von zwei Elternteilen versorgt werden. Allerdings ist auch das Armutsrisiko bei Kindern aus Paargemeinschaften seit 2011 um fast 5% gestiegen (von 12,4% auf 17,1%).

    Auffällig ist außerdem, dass selbst bei den Paargemeinschaften das Armutsrisiko bei 3 Kindern und mehr extrem stark ansteigt auf 33,3% (2018) sowohl im Vergleich mit Paargemeinschaften mit weniger Kindern, als auch im Vergleichszeitraum (in 2011 lag das Risiko noch bei 21,8%) (Sozialbericht S-H 2020, S.242).

    Aufgrund ihrer Familiensituation können Alleinerziehende oft nicht Vollzeit arbeiten, da die Kinderbetreuung ansonsten nicht vollständig gewährleistet werden könnte. Nur 30,4 % der Alleinerziehenden in Schleswig-Holstein arbeiten Vollzeit (Sozialbericht S-H 2020, S.244). Am stärksten von Armut bedroht sind Kinder aus Haushalten Alleinerziehender mit mehr als 3 Minderjährigen, in dieser Gruppe sind fast zwei Drittel (61,9%) der Kinder von relativer Armut bedroht. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S.242-43)

    Ein weitere besonders gefährdete Gruppe sind Kinder von migrantisierten Eltern. Sie sind viel stärker von Armut bedroht (43,1%) als jene ohne Migrationsgeschichte (12,6%) – und das unabhängig vom Bildungsniveau der Eltern! Zum Beispiel haben Kinder von migrantisierten Eltern aus der Gruppe mittleres Qualifikationsniveau (z.B. Berufsausbildung) ein Armutsrisiko von 34,1%, ohne Migrationsgeschichte sinkt das Risiko um die Hälfte (15,4%). Selbst bei hochqualifizierten Eltern (z.B. Meister, Techniker, Hochschulabschluss) ist das Risiko deutlich erhöht mit 27,1%, wohingegen das Armutsrisiko bei hochqualifizierten Eltern ohne Migrationsgeschichte so gering ist, dass der Sozialbericht hierfür keinen Wert ausweist.

    In der Gruppe der Kinder mit gering qualifizierten Eltern ist der Unterschied geringer (5,9%), da diese Kinder insgesamt ein sehr hohes Armutsrisiko aufweisen ("mit Migrationshintergrund“ 72,0%, „ohne Migrationshintergrund“ 66,3 %) (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 242-243). Die Migrationsgeschichte der Eltern ist also ein eigenständiger Faktor, der zu einem stark erhöhten Armutsrisiko bei Kindern führt. Dass fast drei Viertel aller Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund und niedriger beruflicher Qualifikation in Armut leben, zeigt dass Diskriminierung gleichzeitig verschiedene Ursachen haben kann.

    Jedoch wird durch die Ausweisung der Qualifikationsniveaus ein weiterer Aspekt erneut deutlich hervorgehoben: Kinder von Eltern mit niedriger formaler Bildung haben ein stark erhöhtes Armutsrisiko: 70,2 % aller minderjährigen Kinder von gering qualifizierten Eltern (ohne Berufsausbildung) sind armutsgefährdet. Dies zeigt, dass neben Dimensionen wie Geschlecht oder Migrationshintergrund auch die soziale Herkunft die Lebenschancen beeinflusst.

    Laura Poth zur Kinderarmut

    Eltern dürfen kein Armutsrisiko sein!

    Kinder müssen daher endlich besser abgesichert werden, um den Armutskreislauf zu durchbrechen. Es ist sprichwörtlich ein Armutszeugnis wenn Kinder aufgrund der finanziellen Situation ihrer Familie nicht mit auf Klassenfahrt fahren können oder sich kaum die Schulmaterialien leisten können.

    Der DGB Nord fordert daher:

    • Zügiger Ausbau der Kindergrundsicherung
      Der DGB schlägt eine Kindergrundsicherung vor, bei der das Kindergeld, der steuerliche Kinderfreibetrag, der Kinderzuschlag sowie die Hartz-IV-Leistungen für Kinder und Jugendliche gebündelt und ersetzt werden. Der DGB schlägt ein höheres Kindergeld vor, welches mit einem einkommensabhängigen gestaffelten Zusatzbetrag ergänzt werden kann. Steuerentlastungen begünstigen nur diejenigen die ohnehin viel verdienen.
    • Elternunabhängiges Bafög: Bildung und soziale Herkunft müssen besser entkoppelt werden
    • Ausbau der Kita-Plätze und kostengünstige Betreuungsangebote für Alleinerziehende: wir brauchen soziale Familienpolitik, welche vor allem die Erwerbstätigkeit von Frauen stärkt
  • Erwerbsarmut in Schleswig-Holstein

    Erwerbsarmut in Schleswig-Holstein

    Wenn Arbeit arm macht

    Insgesamt gelten in Schleswig-Holstein in 2018 15,9% der Personen als „einkommensarm“. Das Einkommen bezeichnet jede Form von Geld die dem jeweiligen Haushalt zur Verfügung steht, neben dem Lohn also auch Rentenzahlungen, Kindergeld, Unterhalt usw. Im Sozialbericht wird außerdem deutlich, dass diese Zahl seit 2011 eher steigt, trotz guter wirtschaftlicher Lage (vor Covid-19 Pandemie). (vgl. Sozialbericht S-H 2020 S.179) Arbeit gilt als Garant gegen Einkommensarmut. Und tatsächlich sind Erwerbstätige weniger stark von Armut betroffen als z.B. Kinder, Rentner*innen und Arbeitslose. Doch selbst in der Gruppe der Erwerbstätigen gelten ca. 8,5% der Personen als arm. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S.218) In absoluten Zahlen sind das 82.000 Erwerbstätige in 2018, die in relativer Armut leben. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S.180)
    Unter den Erwerbstätigen leben vor allem jene in Armut die in Teilzeit oder geringfügiger Teilzeit (Minijob) arbeiten, sie machen 44% der armen Erwerbstätigen aus. Bei 38,3% der einkommensarmen Erwerbstätigen entsteht die Armut dadurch, dass sie in einem Mehrpersonenhaushalt, z.B. als Familie leben in welchem insgesamt wenig Einkommen zur Verfügung steht, dass sie dadurch als einkommensarm gelten. Dies zeigt, dass ein Lohn oftmals nicht mehr ausreicht um eine Familie zu versorgen. Dazu kommen 17,7% einkommensarme Erwerbstätige, die trotz Vollzeitarbeit ein Nettoeinkommen erzielen, welches sogar für sich alleine genommen nicht armutsfest ist. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 180)

    Nicht alle Erwerbsformen sind gleich

    Am höchsten ist das Risiko einkommensarm zu leben jedoch bei Ausübung einer prekären Beschäftigungsform, also bei befristeten Arbeitsverhältnissen und insbesondere bei geringfügiger Beschäftigung (Minijobs). Die Armutsrisikoquote geringfügig Beschäftigter liegt bei 26,8%. Bei befristet Beschäftigten liegt die Armutrisikoquote bei 15,7% in 2018. Auch bei abhängig Beschäftigten in Teilzeit ist immerhin jede*r zehnte Arbeitnhemer*in von Armut bedroht, trotzdem ergibt sich hier ein deutlicher Unterschied bei diesen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen im Vergleich zur geringfügigen Beschäftigung, bei welcher mehr als jede*r Vierte Arbeitnehmer*in von Armut bedroht ist.

    Armutsrisikoquote

    Quelle: Sozialbericht S. 220

    Die geringste Armutrisikoquote weisen dabei die Normalarbeitsverhältnisse aus, dies entspricht dem Verständnis des DGBs von Guter Arbeit: Vollzeit, angestellt, unbefristet und tarifgebunden. Nur dieses Arbeitsverhältnis kann auch für das Alter absichern, da sich aus atypischen Beschäftigungsformen keine ordentlichen Anwartschaften für die Rente entwickeln. (vlg. Sozialbericht S-H 2020, S. 221)

    Mindestsicherung und verdeckte Armut

    Im Jahr 2018 bezogen 43.000 Erwerbstätige in Schleswig-Holstein ALG-II. 41,0% waren geringfügig beschäftigt und 35% sozialversicherungspflichtig teilzeitbeschäftigt. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S.179)
    Der Sozialbericht verweist an dieser Stelle selbst auf das Thema der verdeckten Armut, also Personen und Haushalte, welche einen Anspruch auf Sozialleistungen hätten, diesen aber nicht geltend machen. Dies ist ein wichtiger Aspekt beim Thema Erwerbsarmut. In den Daten zur Einkommensarmut sind diese Personen zwar erfasst, jedoch nicht in den Angaben zum Bezug von wohlfahrtstaatlichen Transfers.  Es gäbe zwar keine regionalen Daten zum Thema Nichtinanspruchnahme, jedoch wird auf Studien auf Bundesebene verwiesen, welche für Schleswig-Holstein übertragbar seien. Diese besagen, dass etwa 40-60% der Personen, welche einen Anspruch hätten diesen nicht geltend machen, tendenziell könnten also sogar doppelt so viele Personen wie erfasst Anspruch auf Sozialleistungen haben. Insbesondere Erwerbstätige würden ihre Ansprüche nicht geltend machen, dies lässt sich mit dem hohen bürokratischen Aufwand und dem gesellschaftlichen Stigma erklären. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 186) Sozialstaatliche Unterstützungsleistungen müssen einfach und unbürokratisch zugänglich sein, ohne die Anspruchsberechtigten zu entwürdigen.

    Auch Erwerbsarmut hängt mit Diskriminierung zusammen

    Armut ist in Deutschland eng mit der sozialen Herkunft und den Bildungschancen verknüpft, dies spiegelt sich auch bei der Erwerbsarmut wieder. Fast jede*r 4. Erwerbstätige mit niedriger Qualifikation (ohne Berufsausbildung) lebt in Armut! Hochqualifizierte (Meister, Techniker, Hochschulabschluss) und qualifizierte Erwerbstätige (z.B. Ausbildung) dagegen weisen sehr niedrige Armutsquoten auf.
    Aber auch andere Dimensionen spielen eine Rolle. 40,7% der einkommensarmen Erwerbstätigen sind migrantisiert und das obwohl sie nur 15,2% der Erwerbstätigen insgesamt ausmachen. 12,1% der einkommensarmen Erwerbstätigen sind Alleinerziehende, obwohl sie nur 3,1% der Erwerbstätigen insgesamt ausmachen. In Bezug auf Teilzeiterwerbstätige hat der DGB Nord bereits in seiner Meldung zum Thema Kinderarmut (s.o.) darauf aufmerksam gemacht, dass insbesondere Alleinerziehende (meistens weiblich) oft aufgrund der familiären Verpflichtungen nicht in der Lage sind Vollzeit zu arbeiten. Dies gilt aber auch für Frauen generell, da sie einen viel größeren Anteil an der Sorgearbeit übernehmen.  Es verwundert daher auch nicht, dass Frauen in der Gruppe der einkommensarmen Erwerbtätigen überrepräsentiert sind (54,6% aller erwerbstätigen Frauen gelten als einkommensarm im Vergleich zur Gesamtgruppe der einkommensarmen Erwerbstätigen (46,3%) (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 222). Hier muss dringend mehr Geschlechtergerechtigkeit hergestellt werden, zum Beispiel durch den Ausbau der Kinderbetreuung, die Aufwertung frauendominierter Berufe und ein verbessertes Rückkehrrecht nach Teilzeit.
    Andere Gründe für Teilzeiterwerbstätigkeit sind zum Beispiel gesundheitliche Einschränkungen, welche die Fortführung einer Vollzeitstelle unmöglich machen. Dadurch kommt es zu einem erhöhten Anteil an einkommensarmen Erwerbstätigen am Ende ihrer Erwerbsphase (Gruppe 55-65 Jahre). (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 222) Die Bedingungen für den Erhalt einer Erwerbsminderungsrente müssen verbessert werden.

    Nur Gute Arbeit schützt gegen Armut

    Pooth zur Erwerbsarmut in Schleswig-Holstein

    DGB Nord

    Wir fordern daher auf, die Sozialpartnerschaft auf allen Ebenen zu stärken, damit die Tarifbindung erhöht werden kann. Die Landesregierung sollte zu diesem Zweck ein Tariftreue- und Vergabegesetz einführen, dass die Vergabe öffentlicher Aufträge an tarifgleiche Bezahlung knüpft.

    Geringfügige Beschäftigung ist ein Armutsgarant, wenn nicht schon heute, dann spätestens morgen, beim Renteneintritt. Minijobs müssen deshalb in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgewertet werden, damit die Arbeitnehmer*innen besser vor Armut geschützt werden.
    Befristung macht nicht nur arm, sondern stellt eine erhebliche psychische Belastung dar. Befristungen müssen deshalb viel stärker reguliert werden.

    Wir fordern:

    • Abschaffung sachgrundloser Befristung
    • abschlussorientierte Weiterbildung
    • den Ausbau der Kitabetreuun
    • die Aufwertung von frauendominierten und systemrelevanten Berufen
    • ein verschärftes Vergabegesetz mit dem Zusatz der Tariftreue

    Wer arbeitet versucht finanzielle Verantwortung für sich und ihre/seine Familie zu übernehmen. Es kann nicht sein, dass die Leistung so vieler Erwerbstätiger nicht honoriert wird. Die Arbeitgeber*innen in Schleswig-Holstein müssen aber auch in Verantwortung gezogen werden, nur Gute Arbeit schützt wirklich vor Armut und entlastet den Sozialstaat.

     

  • Altersarmut in Schleswig-Holstein

    Altersarmut in Schleswig-Holstein

    2018 ist der Anteil der erwerbstätigen Älteren zwischen 65 bis unter 75 Jahren von 8,1 % im Jahr 2011, auf 13,5 % gestiegen. Diese Entwicklung ist unter anderem mit der steigenden Altersarmut zu erklären. 13,1% der älteren Menschen in Schleswig-Holstein leben in Armut. Insgesamt hat die Armut von männlichen älteren Personen seit 2011 am stärksten zugenommen (+4%), nach wie vor leben aber deutlich mehr Frauen (14,4% in 2018) in Altersarmut als Männer (11,6%). (vgl. Sozialbericht 2020 S-H, S. 336)

    Frauenaltersarmut bleibt ein wichtiges Thema

    Frauen beziehen im Durchschnitt 511 Euro weniger Rente als Männer in Schleswig-Holstein. Dies ist einer der Gründe warum sie vermehrt unter Altersarmut leiden. Armut trifft ältere Frauen außerdem häufiger, weil sie oftmals von dem Einkommen eines Ehemannes mitversorgt werden, Männer haben jedoch eine deutlich kürzere Lebenserwartung als Frauen. Frauen leben im Alter insgesamt viel häufiger allein, wie durch Abbildung I.15.3 aus dem Sozialbericht deutlich wird. Aus dieser gesellschaftlich explosiven Kombination ergibt sich, dass im Jahr 2018 jede 5. alleinlebende ältere Frau in Schleswig-Holstein in Armut lebt. (vgl. Sozialbericht 2020 S-H, S. 336)

    Altersarmut Schleswig-Holstein

    Quelle: Sozialbericht S-H 2020, S. 340

    Eine andere besonders betroffen Gruppe sind ältere migrantisierte Personen. Da sie bereits während ihrer Erwerbsphase deutlich weniger verdienen als der Rest der Erwerbsbevölkerung (Verlinkung zu Erwerbsarmut Dossier) - und das unabhängig von ihrem beruflichen Qualifikationsniveau (s. Thema Kinderarmut oben) - sind auch ihre Renteneinkommen und Ersparnisse deutlich geschmälert. 38,1% der älteren migrantisierten Personen in Schleswig-Holstein leben in Armut, während der Anteil bei älteren Personen die nicht migrantisiert werden bei 11% liegt. (vgl. Sozialbericht 2020 S-H, S. 336)

    Altersarmut bedroht unsere Gesellschaft

    Durch die sinkende Tarifbindung und die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse (Minijobs, Solo-Selbstständigkeit, Intervallarbeiten aufgrund von Befristung) drohen in den kommenden Generationen immer mehr Menschen im Alter in die Grundsicherung zu fallen. Die sozialen Sicherungssysteme müssen dringend reformiert werden, um der veränderten Arbeitswelt gerecht zu werden. Es kann nicht sein, dass Menschen am Ende ihres Lebens, wenn sie am dringendsten auf Unterstützung angewiesen sind, in Armut fallen. Wir fordern deshalb unter anderem nicht nur die Stabilisierung, sondern eine schrittweise Anhebung des derzeitigen gesetzlichen Rentenniveaus sowie eine Weiterentwicklung der Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung.

    Gute Alterssicherung heißt gesetzliche Rente stärken

    Aber auch die Löhne in Schleswig-Holstein müssen deutlich steigen, damit die Rentenkassen endlich wieder gefüllt werden und mehr Menschen eine auskömmliche Altersrente erhalten. Rassismus und Sexismus müssen nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch in materieller Hinsicht stärker bekämpft werden. Dafür sind vor allem auch Betriebsräte und Tarifverträge geeignet, da der Lohn dann nicht individuell ausgehandelt werden muss und die Betriebsratsgremien die Möglichkeit haben geschlechtsspezifische Probleme, z.B. bei der Eingruppierung, Zusatzstufen usw., zu identifizieren.
    Geschlechtsspezifische Hürden müssen abgebaut werden, deshalb fordert der DGB die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, eine Abschaffung des Ehegattensplittings und eine verbesserte Rückkehr in Vollzeit auch in mittleren und kleinen Unternehmen.

  • Reichtum und Einkommensungleichheit in Schleswig-Holstein

    Reichtum und Ungleichheit

    Reichtum in Schleswig-Holstein

    In den ersten drei Wochen unserer Kampagne mit dem SoVD und der AWO Schleswig-Holstein haben wir auf Basis des von der schleswig-holsteinischen Landesregierung veröffentlichten Sozialbericht auf die steigende Armut in Schleswig-Holstein aufmerksam gemacht. Viele Menschen können nicht mehr richtig am gesellschaftlichen Leben teilhaben, weil ihnen schlicht das Geld fehlt. Davon sind vor allem Familien mit mehr als zwei Kindern, alte Menschen, migrantisierte Menschen und Frauen betroffen. Es gibt dringenden Handlungsbedarf. Hier wollen wir den Blick auf die andere Seite der Medaille werden: Reichtum.
    Laut Sozialbericht leben in Schleswig-Holstein etwa 3,1% der Steuerpflichtigen in Reichtum. Das klingt erstmal wenig, aber diese 3,1% erzielen ein Fünftel aller Einkünfte! (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 166-67) 

    Wer hat dem wird gegeben

    Die Äquivalenzeinkommen (eine Berechnung pro Haushalt) sind in Schleswig-Holstein seit 2011 gestiegen. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich dabei jedoch weiter. Die 10% der Schleswig-Holsteiner*innen mit den niedrigsten Einkommen hatten auch den niedrigsten Zuwachs seit 2011 (16%), die 10% mit den höchsten Einkommen konnten den höchsten Zuwachs verzeichnen (+21%). Dazwischen ist der Anstieg fast linear, das heißt im 3. Dezil ist der Zuwachs größer als im 2. Dezil, im 4. Dezil größer als im 3. Dezil usw.
    Die Einkommensungleichheit nimmt also zu, arme Menschen werden also materiell immer weiter abgehängt, dies ist auch hinsichtlich der steigenden Inflation besorgniserregend. (vgl. Sozialbericht S-H, S.163)

    Äquivalenzeinkommen

    Quelle: eigene Darstellung anhand von Daten Sozialbericht S-H 2020, S. 163, Tabelle 3.1.3

    Das Auseinanderdriften der Regionen

    Die Einkommensungleichheit ist auch regional zu beobachten. Die materielle Lebenssituation ist je nach Kreis unterschiedlich. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen im Jahr, der Stormaner Bevölkerung in 2018 liegt dabei im Durchschnitt satte 7000 Euro höher als das in Flensburg. Diese regionalen Unterschiede sind auch bei den anderen Themenschwerpunkten dieser Social Media Kampagne deutlich geworden. So liegt z.B. die Quote der Kinder aus Familien in Bezug von Mindestsicherungsleistungen (s. Thema Kinderarmut oben) in Flensburg, Kiel, Neumünster und Lübeck deutlich höher als in den anderen Regionen. Es besteht somit auch strukturpolitischer Handlungsbedarf.
       

    Einkommensungleichheit

    Quelle Sozialbericht S-H 2020, S. 161

    Der Interessengegensatz: Teilhabe durch Arbeit gibt es nur bei guten Löhnen

    Interessant ist auch, wie die Reichen dabei ihren Profit erwirtschaften. Die Einkommensmillionär*innen ziehen dabei 77,3 Prozent, also mehr als drei Viertel, ihres Einkommen aus Gewerbebetrieben. (vgl. Sozialbericht S-H 2020, S. 168) Während die diese Arbeitgeber*innen also hohe Profite abschöpfen, macht sich das bei denjenigen die diese Profite erarbeiten nicht bemerkbar.
       

    Mehr Lohn mehr Gerechtigkeit

    Beim Thema Reichtum wird erneut deutlich, dass nur höhere Löhne mehr Gerechtigkeit in Schleswig-Holstein erwirken können. Der Wohlstand ist da, er muss nur besser verteilt werden! Die Schere zwischen Arm und Reich muss endlich geschlossen werden.
    Wir brauchen außerdem mehr sozialstaatliche Armutsprävention in Schleswig-Holstein. Mehr Menschen müssen in Gute Arbeit gebracht werden. Nur sie ermöglicht Teilhabe. Dabei müssen vor allem auch Regionen in den Blick genommen werden, in welchen besonders niedrige Einkommen erzielt werden.


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