Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 017 - 23.02.2017

Ausbildungsreport 2017 für Schleswig-Holstein

Überstunden, Hetze, Unzufriedenheit - die Betriebe müssen besser werden

Der „Ausbildungsreport 2017“ für Schleswig-Holstein dokumentiert erneut gravierende Qualitätsmängel in den Betrieben. Die Ausbildungsvergütung liegt unter dem Bundesschnitt. Nur 30 Prozent der Auszubildenden erlernen ihren Wunschberuf. Nur 30,9 Prozent der Befragten rechnen damit, nach der Ausbildung übernommen zu werden. Die Mehrheit der Auszubildenden sieht sich durch Arbeitsdruck oder schlechte Arbeitsbedingungen „stark“ bis „sehr stark“ am Ausbildungsplatz belastet. Die Zufriedenheit steigt bei Vorhandensein von Mitbestimmung und Tarifverträgen sowie mit der Betriebsgröße.

 

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord: „Die Fachkräfte von morgen müssen im Betrieb gut ausgebildet und fair behandelt werden. Das aber ist längst noch keine Selbstverständlichkeit: Wer etwa minderjährigen Auszubildenden immer wieder Überstunden abverlangt, verstößt gegen geltende Gesetze. Seit 2012 hat sich vor allem in der Problembranche des Nordens zu wenig getan: Die Ausbildung in den Hotels, Gaststätten und Restaurants wird deshalb für viel zu viele junge Menschen zur Enttäuschung. Neben den Arbeitgebern, Verbänden und Kammern wird auch die kommende Landesregierung gefordert sein, für Gute Arbeit und bessere Ausbildung in Schleswig-Holstein zu sorgen. Eine „Soko Gastro“ wäre die richtige Antwort auf die massiven und anhaltenden Missstände im Gastgewerbe und Tourismus.“

 

Jeanine Weigel, Bezirksjugendsekretärin des DGB Nord: „Die DGB-Jugend bleibt dabei - wir brauchen dringend eine Reform des Berufsbildungsgesetzes. Schleswig-Holstein kann dafür der Vorreiter im Bundesrat sein. Denn wenn sich die Qualität der dualen Ausbildung nicht verbessert, wird sich die Ausbildungslandschaft weiter spalten. Es wird nur noch wenige gute Ausbildungsberufe geben und die Gefahr besteht, dass die Anzahl der unbesetzten Ausbildungsstellen noch weiter steigt. Hier sind Betriebe und die Landesregierung gefordert zu handeln. Unser Ausbildungsreport zeigt, wo es Handlungsbedarf gibt: bei der Vermittlung der Ausbildungsinhalte und natürlich beim Einhalten der Arbeitszeiten.“

 

Die DGB-Jugend Nord hatte anhand eines Fragebogens von September 2015 bis Juni 2016 rund 2.723 Auszubildende aus den 25 meistfrequentierten Ausbildungsberufen befragt und in die Auswertung aufgenommen. Die wissenschaftliche Begleitung erfolgte durch das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V.. Die letzte Untersuchung war 2012 erfolgt.

 

Und das sind die wichtigsten Fakten:

 

Allgemeine Bewertung:

  • 68,7 Prozent (Mittelwert) der Azubis sind mit ihrer Ausbildung (sehr) zufrieden. Die Zufriedenheit steigt bei Vorhandensein von Mitbestimmung und Tarifverträgen sowie mit der Betriebsgröße. (S. 22)
  • 68,9 Prozent der Auszubildenden beurteilen fachliche Qualität mit „sehr gut“ oder „gut“. (S. 13)
  • starke Unterschiede gibt es bei Vergütung und Überstunden in den Branchen.

 

Ausbildungskräfte  und Ausbildungsinhalte:

  • 29,1 Prozent der Auszubildenden liegt kein Ausbildungsplan vor. (S. 9)
  • 70,7 Prozent der Azubis geben an, ausbildungsfremde Tätigkeiten ableisten zu müssen (kumuliert aus den Angaben „immer“, „häufig“, „manchmal“ und „selten“). (S. 10)
  • 42,8 Prozent dürfen entgegen der meisten Ausbildungsordnungen ihr Berichtsheft nur „selten“ oder „nie“ während der Arbeitszeit führen. (S. 11)
  • 68,3 Prozent der Auszubildenden, deren Ausbilder_innen „häufig“ oder „immer“ vor Ort sind, sind mit den Erklärungen zufrieden. (S. 12)

 

Arbeitszeit und Überstunden:

  • 39,1 Prozent der Befragten müssen regelmäßig Überstunden ableisten. (S. 16)
  • 14,4 Prozent der Befragten gibt an, mehr als fünf Überstunden pro Woche zu leisten. (S. 16)
  • 14,5 Prozent geben an, dass ihnen die Mehrarbeit nicht abgegolten wird. (S. 17)
  • 14,3 Prozent der befragten Auszubildenden unter 18 Jahren aus Schleswig-Holstein gaben an, durchschnittlich mehr als 40 Stunden in der Woche zu arbeiten (Bundesschnitt: 11,2 Prozent). (S. 18)
  • 23,4 Prozent haben „immer“ oder „häufig“ Probleme, sich in ihrer Freizeit zu erholen. (S. 26)

 

Qualität der Berufsschulausbildung

  • 62,7 Prozent der Befragten hält die Qualität der Berufsschulausbildung für „sehr gut“ oder „gut“. (S. 14)

 

Vergütung:

  • die durchschnittliche Vergütung der Befragten über alle drei Ausbildungsjahre hinweg beträgt 705 Euro brutto im Monat. (S. 20)
  • durchschnittliche tarifliche Vergütung in Westdeutschland beträgt 2015 laut BIBB 832 Euro brutto. (S. 20)

 

Wunschberuf und Übernahme

  • Nur 30 Prozent fanden einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf. (S. 27)
  • 29 Prozent mussten eine nicht geplante berufliche Perspektive akzeptieren oder sich mit einer reinen Notlösung zufrieden geben. (S. 27)
  • Nur 30,9 Prozent der Befragten rechnet damit, nach der Ausbildung übernommen zu werden. (S. 25)

 

Branchenschwerpunkt  Hotel- und Gaststättengewerbe (HoGa)

  • Von den HoGa-Auszubildenden, die ihren Ausbildungsplan „gut“ oder „sehr gut“ kennen, geben insgesamt nur 66,7 Prozent an, dass der Ausbildungsplan „immer“ oder „häufig“ eingehalten wird. (S. 29)
  • 44,5 Prozent der Auszubildenden aus den HoGa-Berufen gaben an, den Ausbildungsnachweis niemals während der Arbeits- bzw. Ausbildungszeit erledigen zu können. (S. 30)
  • Bei alarmierenden 40,5 Prozent der HoGa-Azubis erklären die Ausbilder_innen die Arbeitsvorgänge nur „manchmal“ oder sogar „selten“ bis „nie“. (S. 30)
  • 56,6 Prozent der Azubis in den HoGa-Berufen arbeiten länger als 40 Stunden. (S. 31)
  • 21,8 Prozent geben dabei an, an sechs oder gar an sieben Tagen in der Woche arbeiten zu müssen. (S. 31)
  • 52,8 Prozent leisten über fünf Überstunden pro Woche, 17 Prozent der HoGa-Azubis leisten sogar mehr als zehn Überstunden pro Woche. (S. 32)
  • Die HoGa-Azubis erreichen im dritten Ausbildungsjahr im Durchschnitt 649 Euro, und damit sogar noch 20 Euro weniger als die anderen Auszubildenden im ersten Jahr. (S. 33)
  • Trotzdem gaben 79,3 Prozent an, ihren Wunschberuf oder ihn als einen von mehreren interessanten Berufen ergriffen zu haben. (S. 33)
  • Und trotz der widrigen Ausbildungsbedingungen wollen 61,5 Prozent der Azubis im erlernten Beruf aber nicht im Ausbildungsbetrieb (33,4 Prozent) weiterarbeiten. (S. 34)

 

Psychische Belastungen in der Ausbildung

  • 51,2 Prozent der Auszubildenden sehen sich durch Arbeitsanforderungen oder schlechte Arbeitsbedingungen am Ausbildungsplatz „stark“ bis „sehr stark“ belastet. (S. 37)
  • 66,5, Prozent (Bund: 61,9 Prozent) der Auszubildenden, die hohen Belastungen am Ausbildungsplatz ausgesetzt sind, fühlen sich am Ende des Ausbildungstages erschöpft. 58,2 Prozent kommen auch zur Arbeit, wenn sie sich krank oder unwohl fühlen. (S. 38)
  • 21,2 Prozent der Auszubildende in Berufen mit schlechter Ausbildungsqualität sind hohen Belastungen häufiger ausgesetzt als jene in Berufen mit guter Bewertung (4,4 Prozent). (S. 39)

 

Geschlechtsspezifische Unterschiede

  • 30 Prozent der Auszubildenden in den weiblich geprägten Berufen haben „immer/häufig“ Probleme damit, nach der Arbeit „abzuschalten“ und sich in ihrer Freizeit zu erholen. In den männlich geprägten Berufen sind es lediglich 17,3 Prozent. (S. 43)
  • Bei der Ausbildungsvergütung liegt das Niveau in den männlich dominierten Berufen mit durchschnittlich 689 Euro deutlich über dem der von Frauen bevorzugten Berufe, in denen die Vergütung durchschnittlich nur 629 Euro beträgt. (S. 43)
  • Während 76,7 Prozent der Auszubildenden in den überwiegend von Männern favorisierten Berufen die Überstunden mit Freizeit ausgleichen können oder die mehr geleistete Arbeit bezahlt bekommen, trifft dies in den überwiegend weiblich geprägten Berufen nur für gut die Hälfte der Auszubildenden zu (54,6 Prozent). (S. 43)

 

Wichtige Forderungen

 

  • Die Ausbildungsqualität muss besser werden, vor allem im Tourismus des Nordens. Dringend nötig ist die schlichte Einhaltung der gesetzlichen Mindestvorschriften, insbesondere zu den Arbeitszeiten, dem Ausgleich der Mehrarbeit und den Ausbildungsinhalten. Zudem muss das Berufsbildungsgesetz (BBiG) dahin gehend erweitert werden, dass künftig keine Beschäftigung über die vertraglich vereinbarte wöchentliche Ausbildungszeit hinausgehen darf. Für diese Ziele sollte sich auch die Landesregierung im Bundesrat bei einer perspektivischen Novellierung des Berufsbildungsgesetzes einsetzen.

  • Ausbildende Betriebe müssen einen betrieblichen Ausbildungsplan haben. Die für jede Berufsausbildung vorgeschriebene sachliche und zeitliche Gliederung muss in jedem Betrieb für jeden Auszubildenden konkretisiert werden. Die Personalverantwortlichen sind schlichtweg gefordert, für ihre Bereiche konkreter zu entscheiden, wer mit welcher Qualifikation wo und wann welche Ausbildungsinhalte vermittelt und dies auch zu kontrollieren. Nur so kann die fachliche Qualität der Ausbildung gesichert sein.

  • Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA e.V. ist weiterhin dringend gefordert, zusammen mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Lösungen zu entwickeln, die eine gute Ausbildung junger Menschen in der Branche sicherstellt und damit Auszubildende nicht länger in gesetzeswidrigen Zuständen belässt. Letztendlich konkurrieren auch die Hotel- und Gaststättenbetriebe auf dem Ausbildungsmarkt um dieselben Jugendlichen. Die Tarifvertragsparteien sind gefordert, die Auszubildendenvergütung und die Urlaubsansprüche deutlich zu erhöhen und an die Bedingungen in anderen Branchen anzugleichen.

  • Die Ausbildungsqualität muss gesichert werden durch Stärkung der Kontrollfunktion: Der Takt der Besichtigungen und Kontrollen in „Problembranchen“ wie u.a. dem Hotel- und Gastgewerbe muss dichter werden. Der Report macht deutlich, dass bestehende Kontrollinstrumente – insbesondere der Kammern, aber auch der Arbeitsschutzbehörden, für die das Land zuständig ist – offensichtlich nicht bzw. schlecht funktionieren.Die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes und ggf. des Jugendarbeitsschutzgesetzes ist natürlich zuvorderst die Aufgabe der Unternehmen selbst. Gleichzeitig sind die Arbeitsschutzbehörden gefordert, im Hotel- und Gastgewerbe (auch im Interesse der guten Ausbildungsbetriebe) die Einhaltung der gesetzlichen Mindestvorschriften wirkungsvoll zu kontrollieren. Da seit 2012 die Arbeitgeberseite kein besonderes Interesse an der Erarbeitung von gangbaren Lösungswegen zeigt, ist nun auch das Land verstärkt gefragt. Dazu könnte auch eine neue „Soko Gastro“ im Tourismusbereich beitragen. Dabei muss der Schutz der betroffenen Auszubildenden, welche die Missstände in den Ausbildungsbetrieben aufzeigen, garantiert und sichergestellt werden.

  • Wir fordern weiterhin, dass den aufgezeigten Mängeln unmittelbar und konkret nachgegangen wird. Die Industrie- und Handelskammern müssen die Qualität der Ausbildung dringend viel stärker überwachen und ggf. die Ausbildereignung entziehen. Ausbildungsbetrieben mit Lösungsquoten über 30 Prozent im Dreijahresmittel, welche gefährdete Auszubildende nicht für die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) der Arbeitsagentur anmelden und in der Arbeitszeit freistellen, muss die Ausbildereignung automatisch entzogen werden.

  • Nicht zuletzt bedarf es einer neuen Ordnung am Arbeitsmarkt, welche die Einkommens- und Lebensperspektiven junger Menschen sicherstellt. Das Hotel- und Gastgewerbe steht  als negatives Beispiel dafür, wie durch prekäre Arbeitsverhältnisse die gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten einer ganzen Generation beschränkt werden.

 


Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 420.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

 


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