Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 022 - 11.02.2013

DGB Nord: Die Börsenberichte im TV umbauen

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord (DGB Nord), Uwe Polkaehn, hat sich für einen Umbau der Börsensendungen im Fernsehen ausgesprochen: Arbeitnehmerinteressen und Verbraucherschutz sollen ein stärkeres Gewicht erhalten. In einem Brief an den ARD-Intendanten Lutz Marmor hat Polkaehn seine Position näher erläutert. Wir dokumentieren das Schreiben im Anhang.

Sehr geehrter Herr Marmor,

das Erste ist der Informationskanal, den besonders viele Menschen in Deutschland nutzen. Die Gruppe der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer macht dabei einen erheblichen Anteil der ARD-Kundschaft aus. Ich würdige deshalb ausdrücklich die Programmelemente und redaktionellen Beiträge, die schon jetzt dem Informationsbedürfnis gerade der abhängig Beschäftigten Rechnung tragen. Dennoch lautet als Gewerkschafter mein Fazit: Die Arbeitswelt und die Sorgen der Arbeitnehmerschaft, sie kommen im Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender leider immer noch zu kurz. Es ist für mich kein Trost, dass die Privatsender noch weniger zu bieten haben.

Eine besondere Problemzone sind nach meinem Eindruck die Börsen-Sendungen im Fernsehen. Sie sind fixiert auf Kapitalinteressen und transportieren eine Sicht auf die ökonomischen und politischen Zusammenhänge, die sich zu viel am „Shareholder“ orientiert und zu wenig an dem Gebot des Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet.

Viel zu oft erläutern scheinbare Experten, wie „der Markt“ die Entscheidungen von demokratisch gewählten Gremien und Mandatsträgern bewertet. Gelegentlich sehe ich die Börsenberichte sogar am Rande zur Schleichwerbung für Analysten und Spekulanten - mit dem wahren Leben der Menschen hat das alles jedenfalls kaum noch etwas zu tun.

Die Mattscheibe darf nicht zur Werbeplattform und zum strategischen Instrument werden für globale Finanzjongleure, die in immer neuen Schockwellen Käufe oder Verkäufe auslösen wollen, um ihre Gewinne zu maximieren. Eine Lehre der Finanzkrise und des Scheiterns der neoliberalen Ideologie bleibt es, die Stimmungsmache der Investmentfonds und Bankhäuser zu hinterfragen und den kritischen Blick auf die entfesselten Märkte zu schärfen.

Ich möchte deshalb mit diesem Schreiben gegenüber den Programmverantwortlichen und Redaktionen darum werben, die Börsenberichterstattung im Ersten grundlegend umzubauen. Nötig ist nach meiner Auffassung zu der prominenten Sendezeit ein Format, das Arbeitnehmerinteressen und auch den Verbraucherschutz ins Zentrum rückt – gerade in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise.

Längst ist bekannt, dass der unteren Hälfte der Bevölkerung, die gerade mal über ein Prozent des Vermögens verfügt, die Mittel für solche Börsengeschäfte fehlen. Es gibt Alternativen zu den Berichten aus dem Finanz-Casino. Gerade öffentlich-rechtliche Sender müssen sich nicht an einem Tanz um das Goldene Kalb beteiligen, sondern sie sollten Arbeitnehmern, Rentnern und Verbrauchern brauchbare Informationen liefern.

Deshalb mein Vorschlag: Die reinen Börsen-Berichte zur Primetime sollten auf ein Drittel gestutzt und um Analysen zu allen Aspekten von gemeinwohlorientiertem Wirtschaften, zu Arbeitsmarkt und Arbeitsplätzen, zu Ausbildung, Qualifizierung, Gleichstellung, Renten und Wirtschaftskriminalität ergänzt werden. Auch jenseits der bestehenden Verbrauchermagazine im ersten und dritten Programm würden weitere Serviceberichte über Verbraucherthemen den Familien in ihrem Alltag helfen.

Die Zielgruppe eines solchen Formats ist nach meiner Einschätzung um ein Vielfaches größer. Es könnte im Sendebetrieb getestet und von den Zuschauern und Zuschauerinnen bewertet werden, um eine fundierte und publikumsorientierte Programmdiskussion in den Sendern und in der Öffentlichkeit zu ermöglichen.

Wegen des besonderen Interesses der Öffentlichkeit an diesem Thema erlaube ich mir, den DGB-Mitgliedern und Redaktionen dieses Schreiben zur Kenntnis zu bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Uwe Polkaehn
Vorsitzender des DGB Nord

Der DGB Bezirk Nord umfasst die Bundesländer Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gewerkschaften zählen in den drei Ländern zusammen rund 420.000 Mitglieder. Der DGB ist der Bund der Gewerkschaften. Gemeinsam vertreten der Bund und die Mitgliedsgewerkschaften die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.


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